Abwasserkanäle unter Verdacht
Im Gespräch mit Manfred FIEDLER
Eberhard B. Starosta
Die Wahrheit über den Zustand unserer Kanalisation. Wird weiter gezögert verteuert sich die Sanierung der Abwasserleitungen.
Gleich zum Auftakt der 9. Kunststoffrohr-Tagung in Würzburg wurden die Teilnehmer auf ein brisantes Thema eingestimmt: In Zeiten der Aufklärung durch Wikileaks oder des ungenierten Vorgehens der Medien bei Aufdeckung von Missständen müsse man, so der Appell des Moderators und Leiters der Würzburger Veranstaltung, Dipl.-Ing. Manfred Fiedler, auch bei der Frage nach dem Zustand unserer Abwasserkanalisation endlich den Mut zur Wahrheit aufbringen. In einem Interview mit Manfred Fiedler – er ist bekannt als Leiter der Abteilung Kanalplanung und Kanalsanierung bei den Göttinger Entsorgungs-betrieben – erfuhren wir mehr über diese zunehmende Problematik. wwt: Wie kaputt sind die Abwassernetze in Deutschland wirklich? Droht unserer Kanalisation demnächst ein Kollaps?
Fiedler: Wenn man die offizielle Statistik der DWA heranzieht, sind rund 1/5 aller Abwasserkanäle in Deutschland schadhaft, d. h. sanierungsbedürftig. Diese Quote ist seit einigen Jahren ziemlich konstant. Ein Kollaps steht nicht unmittelbar bevor.
wwt: Auf der Würzburger Tagung haben Sie die Situation allerdings etwas dramatischer beschrieben.
Fiedler: Ich habe grundsätzlich einmal festhalten wollen, dass ein hoch zivilisierter Staat wie unsere Bundesrepublik es eigentlich nicht zulassen kann, dass der kostenintensivste Teil der Infrastruktur, nämlich die Kanalisation, nur ein Schattendasein führt und notwendige Erhaltungsinvestitionen aus finanziellen Gründen ausbleiben. In diesem Zusammenhang habe ich darauf hingewiesen, dass der Gesetzgeber im WHG von 2009 klar und deutlich verlangt, dass die Kanalnetzbetreiber ihre technischen Anlagen kontinuierlich in einem funktionsfähigen Zustand zu halten haben. Mit diesem Appell will der Gesetzgeber dem Verfall von Werten bei den Kanalnetzen Einhalt gebieten.
wwt: Werden Ihrer Meinung nach andere Infrastrukturbereiche – z. B. der Straßenbau – von der Politik bevorzugt behandelt und als wichtiger eingestuft?
Fiedler: Das kann man ruhig so sagen. In den Straßenbau investiert der Staat jedes Jahr Milliarden von Euro. Die Investitionen in die Abwasserkanalisation bezahlen die Kommunen aus eigener Tasche, oder genauer gesagt: sie werden aus den Gebühreneinnahmen finanziert.
wwt: Heißt das, dass die Kanalnetzbetreiber in puncto Instandhaltung eigentlich keine Probleme haben dürften? Fiedler: Der dringende Bedarf an Instandhaltungsmaßnahmen für das Abwassernetz in Deutschland ist von Experten kürzlich auf rund 100 Milliarden Euro geschätzt worden. Da kann man natürlich nachdenklich werden, woher dieses Geld kommen soll.
wwt: Müsste nicht angesichts solcher Zahlen die Instandhaltung unserer Kanäle für die Netzbetreiber absolute Priorität bekommen?
Fiedler: Ja unbedingt, denn wenn man jetzt die notwendigen Reparaturen und Erneuerungen weiter hinausschiebt, lässt sich voraussehen, dass die vorgeschädigten Kanäle über kurz oder lang in die Knie gehen werden. Man könnte heute viele der vorhandenen Schäden in geschlossener Bauweise noch kostengünstig sanieren. Wird aber weiter gezögert, dann verschlimmert sich der Schadenszustand und es bleibt dann nur die teurere Variante der offenen Bauweise.
wwt: Das ist logisch und klingt überzeugend. Warum wird dann in der Praxis nicht entsprechend gehandelt? Fiedler: Solange die Kanalnetzbetreiber nicht aufstehen und sich für eine ausreichende finanzielle und personelle Ausstattung ihrer Betriebe stark machen, wird sich so schnell nichts ändern. Was wir brauchen, ist eine durchdachte Kanalsanierungsstrategie. Ohne sie wird es nicht möglich sein, die Verwaltungen und die Politik von den Erfordernissen zu überzeugen. Um das zu erreichen, könnte man theoretisch sogar das Strafgesetzbuch bemühen. Dort ist in § 324 folgendes zu lesen: „Wer unbefugt ein Gewässer verunreinigt oder sonst dessen Eigenschaften nachhaltig verändert, wird mit Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“. Ob das aber der richtige Weg ist, möchte ich zunächst einmal dahingestellt sein lassen.
wwt: Die Bürger zahlen doch bei uns regelmäßig und brav ihre Abwassergebühren. Ist das nicht ein Ansatz, um den für die Erhaltung funktionsfähiger Kanalnetze Verantwortlichen richtig Druck zu machen?
Fiedler: Das ist richtig, denn mit den Gebühren stellen die Kunden den Netzbetreibern das Geld nur treuhänderisch zur Verfügung und dürfen also erwarten, dass es vernünftig verwaltet und von den Netzbetreibern für die notwendigen Sanierungsmaßnahmen eingesetzt wird.
wwt: Herr Fiedler, Sie sind bei der Stadt Göttingen als Abteilungsleiter für die Kanalplanung und Kanalsanierung verantwortlich. Wie würden Sie in Ihrer Stadt den Zustand der Kanalisation und Ihre Pläne zur Erhaltung eines funktionsfähigen Abwassernetzes bewerten?
Fiedler: Das muss man sehr distanziert betrachten. In Göttingen werden die Abwässer zu 100 % im Trennsystem behandelt. Die im Schmutzwasserbereich vorhandenen Schäden werden in den nächsten 5 bis 7 Jahren verschwunden sein. Inzwischen haben wir unser Entwässerungsnetz auf ca. 1/3 der Gesamtlänge mit modernen verschweißten PE-80-Rohren ausgestattet. Die Schadensrate bleibt dadurch sehr niedrig: ein Schaden auf 200 km /a.
wwt: Das klingt ja rekordverdächtig. Wären Sie bei einem Städtevergleich mit diesem Ergebnis Spitzenreiter? Fiedler: Das lässt sich nur schwer vergleichen. Bei den Leitungen mit größerem Durchmesser sieht es bei uns übrigens nicht so gut aus. Verschiedene Einbrüche an der Fahrbahnoberfläche durch defekte Betonkanäle haben uns alarmiert, dass dieser Leitungsteil mit der gleichen Sorgfalt behandelt werden muss wie die anderen Rohrstrecken. Als Zeitraum für die Beseitigung der großen Schäden haben wir die nächsten 10 Jahre angesetzt. wwt: Was geschieht zurzeit auf den privaten Grundstücken?
Fiedler: In Göttingen gehören die Hausanschlussleitungen bis zur Grundstücksgrenze dem Netzbetreiber. Deren Sanierung wird uns mit Schwerpunkt ab dem Jahr 2020 beschäftigen. Zum Glück haben wir bei allen Sanierungsmaßnahmen schon ab Mitte der 90er Jahre alle Hausanschlüsse verschweißt saniert, so dass auch hier bereits ein relativ hoher Anteil fertig saniert ist.
wwt: Das hat sicherlich eine Menge Geld gekostet?
Fiedler: Die bisherige Sanierung hat 220 Mio. € gekostet. Den Rest haben wir mit weiteren 210 Mio. € veranschlagt. Bei einer Schmutzwassergebühr von 2,32 € pro m³ und einer Regenwassergebühr von 0,52 €/m³ sollte diese Vorgehensweise viele Nachahmer finden.









