Fracking weiter stark umstritten

Fracking weiter stark umstritten

aus der Ausgabe 
Juni, 2014

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Christa Hecht, Geschäftsführerin des AÖW e. V.
Foto: AÖW

Dem Schutz des Trinkwassers und der Trinkwasserversorgung muss Vorrang vor den Interessen der Energiewirtschaft eingeräumt werden.

Befürworter der Erdgasgewinnung durch Fracking hoffen auf neue Ressourcen durch vergleichsweise günstige Energie. Gleichzeitig nehmen in Deutschland die Warnungen vor den Risiken dieser Technologie zu.

wwt: Kritiker der Technologie verweisen auf eine mögliche Verschmutzung des Grundwassers. Ist ein verlässlicher Schutz der grundwasserführenden Schichten überhaupt möglich?

Hecht: Derzeit sind keine Maßnahmen bekannt, mit denen das Grundwasser vor einem Eintritt der beim Fracking eingesetzten Chemikalien und des Formationswassers (Wasser im tiefen Untergrund mit gelösten Schwermetallen) geschützt werden kann. Da beim Fracking mit hohem Druck gearbeitet wird, können selbst in vorher dichten Bodenschichten unterhalb des Grundwasserreservoirs Risse entstehen, durch die die problematischen Stoffe bis ins Grundwasser aufsteigen können. Der Untergrund ist nicht starr, sondern in Bewegung und die Grundwasserleiter haben großräumige unterirdische Ausmaße. Das lässt sich nicht abdichten. In der 2012 veröffentlichten Studie (Risikostudie im Auftrag des Umweltbundesamts) über die Umweltauswirkungen von Fracking wurde deutlich, dass während der Gewinnungsphase ein unkontrollierter Aufstieg durch die Bohrstränge nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden kann. Problematisch in der Nachbetriebsphase ist zudem, dass ein Rest der Fracking-Fluide nicht aus dem Untergrund zurückgeholt werden kann. Das ist sogar ein dauerhaftes Risiko für das Grundwasser.

wwt: Wurden Risiken bei der Förderung in den USA deutlich, wo Fracking ja relativ umfangreich zum Einsatz kommt?

Hecht: In einer 2013 veröffentlichten Studie von Forschern der Duke University im US-Staat North Carolina wurde über die Ergebnisse von Untersuchungen in 141 Wasserbrunnen im Gebiet von Pennsylvania berichtet. In Proben aus einem Umkreis von 1 km zu Frackinganlagen waren die Werte für Methan 6-mal höher als die durchschnittlichen Werte; bei Ethan lagen die Werte 23-mal höher. In zehn Brunnen wurde sogar Propan gefunden. Als mögliche Ursachen für die Kontamination führen die Wissenschaftler die Nähe zu Frackinganlagen, zu  Talsohlen und die Struktur des Gebiets an. Neuerdings wurde auf dem immensen Verbrauch von Wasser und Fracking hingewiesen.

wwt: …und wie stehen Sie zu der Auffassung, dass die größte Gefahr für das Grundwasser nicht vom Verfahren selbst, sondern von defekten Bohrungen ausgehe?

Hecht: Sicher kann es defekte oder unsachgemäße Bohrungen geben. Die Bohrungen müssen durch Grundwasserleiter hindurch gehen, wenn die Gasvorkommen unter Grundwasserleitern liegen. Durch den hohen Druck, mit dem gearbeitet wird, können immer Undichtigkeiten in den Rohren auftreten. Durch diese Rohre werden Frack-Fluide mit giftigen, umweltgefährlichen, gesundheitsschädlichen (z. B. auch hormonstörenden), reizenden, ätzenden und stark wassergefährdenden Chemikalien gepresst. Wenn davon etwas in das Grundwasser austritt, sind Verunreinigungen die Folge. Dieses Risiko hinzunehmen, läuft dem Vorsorgeprinzip zuwider. Nach diesem Prinzip sind Schäden für die menschliche Gesundheit abzuwenden, noch bevor sie sichtbar geworden sind – vor allem dann, wenn es sich um erst spät eintretende, schwere oder unumkehrbare Gesundheitsschäden handelt. Dies ist der Hintergrund für den Besorgnisgrundsatz des § 48 Wasserhaushaltsgesetz, wonach eine Grundwassernutzung nur erteilt werden darf, wenn eine nachteilige Veränderung der Wasserbeschaffenheit nicht „zu besorgen“ ist. In der Risikostudie wurde auch bemängelt, dass es keine Kataster über Altbohrungen gibt und das Anbohren einer solchen Stelle beim Fracking unkontrollierte Austritte des Fracking-Fluides nach sich ziehen kann. Bedeutsam ist dabei, dass für das Fracking wesentlich mehr Bohrungen erforderlich sind, als für die konventionelle Gasgewinnung.

wwt: Wie steht es mit dem Gefährdungspotenzial von so genannten ungefährlichen Additiven?

Hecht: Es bestehen erhebliche Defizite bei der Bestimmung der eingesetzten Additive, der Zusammensetzung und der Konzentration der Fracking-Fluide. Die bisher einzigen Informationen, die auch den Verfassern der für das Umweltbundesamt bestimmten Risikostudie vorlagen, waren die von den Unternehmen veröffentlichten Daten und die Sicherheitsdatenblätter. Es kommen zwar auch schwach und nicht wassergefährdende Chemikalien zum Einsatz, das bedeutet aber nicht, dass damit die Gefährlichkeit der anderen Chemikalien fortfällt. Auch ist es durch die fehlende Information bisher nicht möglich gewesen, das Zusammenwirken der verschiedenen Stoffe im „Fracking-Cocktail“ zu untersuchen. Aber selbst Fracking mit ungefährlichen Additiven löst nicht das Problem, dass die im Untergrund gelösten Formationswässer mit den darin enthaltenen Schwermetallen aufsteigen und das Grundwasser belasten können.

wwt: Befürchtet wird eine mögliche Verschmutzung des Grundwassers auch von der Oberfläche aus bei der Entsorgung. Was steht da im Vordergrund?

Hecht: Mit dem geförderten Gas kommt auch der so genannte Flowback (Teil des verpressten Wassers, Sandes, des Fracking-Fluides und Formationswasser) wieder an die Oberfläche. Ein Teil des Flowback wird wieder verpresst. Der Rest muss entsorgt werden. Das sind große Mengen. In den USA wird der Flowback oft in offenen Becken gelagert, und die können bei Regen überlaufen. Wenn eine offene Lagerung auch in Deutschland geplant sein sollte, bekämen wir hunderte, tausende gefährliche Flowback-Seen in den Bohrgebieten. Selbst die Lagerung in geschlossenen Behältern stellt bei den gefährlichen Chemikalien ein Problem dar. Das Abtransportieren der großen Mengen des Flowback in Tankwagen löst immense Transportbewegungen aus, Unfälle sind dabei vorprogrammiert. Und wohin soll entsorgt werden? Der hochbelastete Flowback kann nicht an anderer Stelle einfach in den Untergrund gepresst werden und nicht in Oberflächengewässer geleitet werden. Auch eine Entsorgung über Kläranlagen kommt nicht in Frage, denn die sind dafür bisher gar nicht ausgerüstet. Die Entsorgung ist also noch völlig offen. Das ist meiner Ansicht ein unterschätztes Problem.

wwt: Experten machen darauf aufmerksam, dass beim Fracking das Berg- und Wasserrecht geändert werden müsste. Welche Zusätze und Präzisierungen wären erforderlich?

Hecht: Dem Schutz des Grundwassers und der Trinkwasserversorgung für künftige Generationen muss Vorrang vor anderen Interessen eingeräumt werden. Sowohl die betroffenen Kommunen als auch die im Umfeld von Fracking-Gebieten tätigen Wasserversorger müssen frühestmöglich in die Genehmigungsverfahren verbindlich einbezogen werden. Das muss schon bei der Klärung der Frage, ob eine Erlaubnispflicht vorliegt, erfolgen. Bereits vor der Erteilung einer Aufsuchungserlaubnis gemäß § 11 Nr. 10 BBergG ist zu prüfen, ob überwiegende öffentliche Interessen die Aufsuchung ausschließen. So kann bei einer frühen Einbindung der Kommunen und der Wasserversorger das „überwiegende öffentliche Interesse“ rechtzeitig erkannt und abgewogen werden. Außerdem fordern wir eine verpflichtende Umweltverträglichkeitsprüfung, diesbezüglich ist das Bergrecht zu ändern.

wwt: …dann geht es ja auch noch um die Sicherung der Wasserschutzgebiete.

Hecht: In Wasserschutzgebieten müssen Tiefbohrungen zur Aufsuchung oder Gewinnung von Erdgas, Erdöl oder Erdwärme, bei denen Gesteine unter hydraulischem Druck aufgebrochen werden, verboten werden. Wir fordern ein weitergehendes Verbot auch auf nicht ausgewiesene Schutzgebiete für die Trinkwassergewinnung sowie solche Vorranggebiete für die Trinkwassergewinnung. Außerdem bestehen Risiken für das Oberflächengewässer, aus denen Trinkwasser gewonnen wird. Insofern ist ein Fracking-Verbot auch auf die Einzugsgebiete von Flüssen und Seen, aus denen Trinkwasser gewonnen wird, auszudehnen. Das Verbot muss außerdem einen Sicherheitsabstand zu den hier genannten sensiblen Gebieten und auch den Untergrund „unter“ den Gebieten vorsehen, damit  Gewässerbelastungen durch waagerechte Bohrungen und geologische Verwerfungen ausgeschlossen werden können.

wwt: Und nun zur Position der AÖW. Könnte Fracking derzeit großflächig zur Erschließung unkonventioneller Erdgasvorkommen in Deutschland eingesetzt werden?

Hecht: Ich sage da ganz klar nein, flächendeckend geht nicht. Die geforderten gesetzlichen Änderungen würden zwar zunächst die Wasserschutzgebiete und die Trinkwasserversorgung schützen. Umweltverträglichkeitsprüfungen für die Bevölkerung in einem geregelten Verfahren könnten Beteiligungsmöglichkeiten eröffnen sowie Umwelt- und Naturschutz berücksichtigen. Aber der auch in der Risikostudie bemängelte unzureichende Forschungsstand ist damit nicht beseitigt. Deutschland ist ein dicht besiedeltes Land. Unsere überwiegend qualitativ guten und mengenmäßig reichlich vorhandenen Wasserressourcen dürfen nicht für einen kurzfristigen Erdgasboom gefährdet werden. Wir brauchen sauberes Wasser zum Leben, für die Hygiene für die Landwirtschaft und so weiter. Das Gas ist schnell verbraucht. Mit Schadstoffen belastetes Grundwasser braucht aber Generationen, um sich zu regenerieren. Wenn die Gefahren für das Grundwasser ausgeschlossen sind, sollte für den Einsatz von Technologien wie Fracking nacheinander nach folgenden Kriterien entschieden werden: Günstigste Klimabilanz, beste Reversibilität der Umweltbelastungen, niedrigste Belastung der Natur, der Umwelt und der Bevölkerung, geringste Auswirkungen auf anderweitige Nutzung. Die Haltung der AÖW wurde den zuständigen Institutionen und der Öffentlichkeit in mehreren Stellungnahmen und Positionspapieren vermittelt.

Das Gespräch führte Manfred Radloff

Fracking - in Fakten und Zahlen
Man unterscheidet bei Erdgaslagerstätten zwischen konventionellen und unkonventionellen Lagerstätten. Bei konventionellen Vorkommen ist das Erdgas in gut durchlässigen Gesteinen enthalten. Im Gegensatz hierzu müssen bei der Förderung von Erdgas aus Tight Gas (eingeschlossen in undurchlässigen und nicht-porösen Sand- oder Kalksteinformationen, normalerweise in Tiefen unterhalb von 3.500 m) oder Schiefergaslagerstätten erst künstlich Fließwege geschaffen werden. Schiefergas etwa lagert eingekapselt in vielen winzigen Hohlräumen im Gestein. Um dieses Gas gewinnen zu können, müssen die Gesteine aufgeknackt werden. Die dafür eingesetzte Technik heißt Hydraulic Fracturing - zu Deutsch etwa: hydraulisches Aufbrechen, abgekürzt Fracking. Fracking kommt zum Einsatz, um den Gasfluss hin zum Bohrloch zu stimulieren und damit eine Förderung überhaupt erst zu ermöglichen. Dabei werden in das Mantelrohr der Bohrung in der vorgesehenen Frac-Tiefe Löcher eingebracht, durch die dann unter hohem Druck ein Gemisch von Wasser, Quarzsand und Additiven (Frack-Fluid) in das umlagernde Gestein gepresst wird.

|           In Deutschland gibt es nennenswerte Vorkommen unkonventioneller Erdgaslagerstätten vor allem im Schiefergestein in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Aber auch Gebiete um den Bodensee sowie Gesteinsformationen in Franken und Thüringen sind potenziell für die erdgasfördernde Industrie interessant.

|           In einer im Juni 2012 veröffentlichten Studie schätzt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) die in Deutschland verfügbaren Erdgasmengen allein im Schiefergestein auf 6,7 bis 22,7 Billionen m³. Nicht alle Erdgasmengen sind technisch förderbar. Laut BGR liegen die Produktionsraten in den USA, wo seit vielen Jahren Schiefergas gefördert wird, zwischen 10 und 35 %. Ausgehend von einem konservativen Ansatz, dass in Deutschland nur 10 % der Schiefergasmengen förderbar wären, kommt die BGR damit zu dem Ergebnis, dass die technisch gewinnbaren Erdgasmengen bei bis zu 2,3 Billionen m³ liegen.

|           Die schwarz-gelbe Koalition hatte im Juni 2013 ihre Pläne für eine gesetzliche Regelung der Schiefergas-Gewinnung per „Fracking“ fallen gelassen. Damit bleibt die Technologie Fracking in ganz Deutschland grundsätzlich erlaubt. Der Bundesrat hatte schon im Februar ein generelles Verbot von Fracking verlangt, bis alle Risiken des Chemikalien-Einsatzes geklärt seien. Konsens war zuletzt, das Fracking im Einzugsgebiet von Trinkwasserseen zu untersagen.

|           Seit 2008 führt ExxonMobil in einigen Gebieten Niedersachsens und Nordrhein-Westfalens ein neues Aufsuchungsprojekt durch. (Quelle: ExxonMobile/UBA/Autor-Recherchen)

AÖW im Porträt
Die Allianz der Öffentlichen Wasserwirtschaft (AÖW) ist die Interessenvertretung der öffentlichen Wasserwirtschaft in Deutschland. Zweck des Vereins ist die Förderung der öffentlichen Wasserwirtschaft durch die Bündelung der Interessen und Kompetenzen der kommunalen und verbandlichen Wasserwirtschaft. Gegründet im Jahr 2007 sind in der AÖW ausschließlich Aufgabenträger der deutschen öffentlichen Wasserwirtschaft organisiert.

Die Funktion des Präsidenten hat Dr. Jochen Stemplewski von der Emschergenossenschaft Lippeverband (Essen) inne.

 

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