Interview aus Heft 10/2011
Gewässertyp 2011: Der Mittelgebirgsbach
Im Gespräch mit Jochen FLASBARTH, Präsident des Umweltbundesamtes
Das Umweltbundesamt möchte, dass Bäche, Flüsse, Seen und deren Lebensräume von den Bürgern intensiver wahrgenommen werden.
wwt: Zu den vielen Aktivitäten des Amtes gehört die Aktion „Gewässertyp des Jahres“. Welche Ziele verfolgen das UBA mit dieser Initiative?
FLASBARTH: Unsere Gewässer tragen in der Regel keine Schaumberge mehr, sie riechen auch nicht mehr so schlecht wie früher, sie fallen also nicht mehr negativ auf. Meist werden sie nur noch bei Hochwasser wahrgenommen.
Das Umweltbundesamt (UBA) möchte durch die Wahl des Gewässertyps des Jahres darauf aufmerksam machen, dass „klare“ Gewässer nicht unbedingt in einem guten ökologischen Zustand sind. Es soll angeregt werden, den Bach, Fluss oder See sowie die Tiere und Pflanzen, die darin leben, einmal genauer zu betrachten. Grundlage für die Auswahl des „Gewässertyps des Jahres“ ist die nach der Wasserrahmenrichtlinie vorgenommene Einteilung der Gewässer in Typen.
Aktuell werden in Deutschland 25 Fließgewässertypen, 14 Seentypen und 11 Typen für Küsten und Übergangsgewässer unterschieden.
wwt: Als „Gewässertyp des Jahres 2011“ wurde der steinige, kalkarme Mittelgebirgsbach ausgewählt. Warum hat sich das Umweltbundesamt gerade für diesen Typ entschieden?
FLASBARTH: Da dieses Jahr erstmalig ein Gewässertyp des Jahres ausgewählt wurde, haben wir uns für den am häufigsten vorkommenden Fließgewässertyp (über 18.000 km Fließstrecke) entschieden - den steinigen, kalkarmen Mittelgebirgsbach.
Diese Bäche haben relativ kleine Einzugsgebiete unter 100 km². Sie sind in den Mittelgebirgen mit hartem Gestein - wie Harz, Thüringer Wald, Bayerischer Wald, Erzgebirge, Franken- oder Schwarzwald und Rheinisches Schiefergebirge in einer Höhe von ca. 250 bis 1000 Metern zu finden.
Ist der Bach in einem guten ökologischen Zustand, leben in ihm eine Vielzahl unterschiedlicher Wasserinsekten z. B. Köcher-, Stein- oder Eintagsfliegen oder auch Libellen. Die Wasserinsekten nehmen eine wichtige Stellung im Nahrungsnetz des Baches ein. Sie verarbeiten eingetragenes organisches Material und sind selbst wiederum eine wichtige Nahrungsquelle für ansässige Fische, wie Groppe, Bachforelle und Schmerle.
Die Bäche sind natürlicherweise meist flach und fließen schnell und turbulent. Sie haben aber auch tiefe Abschnitte, in denen das Wasser langsam fließt. Das sind ideale Stellen für die Nahrungssuche der Wasseramsel. Dort taucht sie unter Wasser, um Insektenlarven und kleine Fische zu fangen. Um ihre Beute erspähen zu können, benötigt sie die Gesteinsblöcke am Uferrand. Sie brütet in der Nähe dieser naturnahen Bäche zwischen Steinblöcken oder in unterspülten Uferböschungen.
wwt: Und wie ist der derzeitige Zustand der Mittelgebirgsbäche einzuschätzen?
FLASBARTH: Knapp 20 % der steinigen, kalkarmen Mittelgebirgsbäche Deutschlands befinden sich in einem sehr guten oder guten ökologischen Zustand. Dieser Anteil ist gegenüber allen anderen Fließgewässertypen sehr hoch. Einen mäßigen Zustand haben 43 %, einen unbefriedigenden 27 % und 10 % sogar einen schlechten. Der ökologische Zustand wird über die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaft, bestehend aus Wasserpflanzen, Algen, Fischen und den auf und in der Gewässersohle lebenden wirbellosen Tieren, dem sogenannte Makrozoobenthos, bemessen. Dabei wird geprüft, wie stark die Lebensgemeinschaft von den Verhältnissen im natürlichen Zustand abweicht.
Viele Mittelgebirgsbäche des Typs 5 wurden begradigt oder verlegt, um sie für die Wasserkraftnutzung zu erschließen oder die angrenzenden Auenflächen für Siedlungen oder Landwirtschaft nutzen zu können. Der Uferwald wurde entfernt oder auf einen schmalen Gehölzsaum reduziert. Um den Abfluss der Bäche zu kontrollieren und die angrenzenden Nutzflächen zu be- oder entwässern oder um zu verhindern, dass sich die geraden, nun steileren Bäche eintiefen, hat der Mensch mit wasserbaulichen Maßnahmen eingegriffen. Es wurden Uferwände, Betonbetten, Wehre und Sohlschwellen angelegt, die das Gewässer vom Umland abtrennen, es zerstückeln und den Bachlauf in ein festes Korsett pressen. All dies macht die ursprünglich vielfältige Gewässerstruktur eintönig. Fachleute sprechen von „struktureller Degradation“.
In der Vergangenheit veränderten Besatzmaßnahmen mit nicht-heimischen Fischen, wie der Regenbogenforelle, die ursprünglichen Lebensgemeinschaften drastisch. Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft und kleinen Kläranlagen sind nach wie vor so hoch, dass sie die Zusammensetzung der Algengemeinschaften auf der Gewässersohle beeinflussen.
Bis 2015 sollen weitere 15 % der Bäche den guten Zustand erreichen und zwar u. a. durch Rückbau von Querbauwerken, Entfernung von Verbauungen und Pflanzungen von Gehölzen im Uferbereich sowie durch Rückhalt von Nährstoffen aus Kläranlagen und angrenzenden Äckern.
wwt: Mit der Aktion sollen die ökologische Bedeutung und die Schutzwürdigkeit der Gewässer einer noch breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Welche Informationsmittel nutzen Sie?
FLASBARTH: Wir haben als Begleitmaterialien ein Poster und ein Faltblatt herausgegeben. Weitere Informationen liefern die Internetseiten zum Gewässertyp des Jahres und eine interaktive Karte. Die Karte verschafft einen Einblick zur Lage des Gewässertyps und zur Zustandsbewertung. So kann jeder ersehen, ob durch seinen Ort ein steiniger, kalkarmer Mittelgebirgsbach fließt und wenn ja, ob er sich bereits in einem guten Zustand befindet.
wwt: Der Schutz der Flüsse gehört ja auch zu den Schwerpunkten der Wasserrahmenrichtlinie. Welche Bedeutung messen Sie in diesem Zusammenhang Ihrer Aktion bei?
FLASBARTH: Die Gewässertypen sind Grundlage für die Zustandsbewertung nach der Wasserrahmenrichtlinie. Wir denken, dass wir mit unserer Aktion auf die Notwendigkeit von Maßnahmen aufmerksam machen, die erforderlich sind, um das Ziel der Wasserrahmenrichtlinie zu erreichen - und zwar, dass alle Gewässer spätestens bis 2027 in einem guten Zustand sind.
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