Interview aus Heft 3/2011

03/2011

Menschenrecht auf sauberes Trinkwasser

Wasserprojekte in 28 Ländern:
80 Mio. Menschen profitieren so von deutscher Hilfe.

Die UN-Generalversammlung hat im Juli 2010 den Zugang zu sauberem Wasser in einer Resolution zu einem Menschenrecht erklärt.
wwt: Wie ist der Standpunkt der DGVN zu dieser Resolution?

DR. WAGNER: Die DGVN begrüßt die beschlossene Resolution und steht hinter dem Ziel, jedem Menschen den Zugang zu Trinkwasser und grundlegenden sanitären Einrichtung zu gewähren. Zu Recht hebt die Resolution hervor, dass Trinkwasser und sanitäre Anlagen ein integraler Bestandteil der Verwirklichung der Menschenrechte und Erreichung der im Jahr 2000 verkündeten Millenium-Entwicklungsziele der UN sind.
Mit dieser Resolution wird die weltweite Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass wir unsere Anstrengungen weiter forcieren müssen, um vor allem Frauen und Kinder vor Krankheiten und Tod aufgrund von Wassermangel und -verschmutzung zu schützen. In dem Beschluss haben die Staaten gemeinsam betont, dass das Recht auf Wasser ein Menschenrecht ist. Damit ist jede Regierung noch stärker in der Pflicht, dieses Recht auch zu gewährleisten.

wwt: Das Recht auf Wasser wurde ja bereits in anderen völkerrechtlichen Dokumenten hervorgehoben. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die neue Resolution?

DR. WAGNER: Der Beschluss der Generalversammlung vom Juli 2010 besagt, dass das Recht auf Zugang zu Wasser – zum Trinken, für den persönlichen Hygienebedarf und Sanitärversorgung – ein bereits in Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 verankertes Menschenrecht ist. Wir müssen diesen Artikel in Hinsicht auf Wasser also neu lesen – übrigens auch die völkerrechtlich bindende Vereinbarung im Rahmen des 1966 vereinbarten internationalen Pakts überwirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte.
Die im vergangenen Sommer verabschiedete Resolution ist zwar für sich allein nicht völkerrechtlich bindend oder einklagbar. Gleichzeitig ergänzt sie aber den Sozialpakt und es wird mit der Resolution ein starkes politisches Zeichen gesetzt, das Recht auf Wasser für jede und jeden Einzelnen zu verwirklichen. Für Kinder wurde das Recht auf Zugang zu Trinkwasser bereits vor mehr als 20 Jahren explizitin der UN-Kinderrechtskonvention aufgenommen, unter Artikel 24.

wwt: Zu den Milleniums-Entwicklungszielen gehört ja die Zahl der Menschen ohne Zugang zu Trinkwasser zu halbieren. Wie sehen Sie die Chancen, dieses Ziel zu erreichen?

DR. WAGNER: Die Zielvorgabe,die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser bezogen auf das Basisjahr 1990 zu halbieren, wird die Weltgemeinschaft erreichen, wenn sich der eingeschlagene Weg in den nächsten fünf Jahren fortsetzt. Bis 2015 werden dann 86 % aller Menschen in Entwicklungsländern Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Die Regionen Nordafrika, Lateinamerika und die Karibik, Ost- und Südostasien haben das Ziel schon erreicht. Allein die Region Ozeanien stagniert und wird das Ziel wahrscheinlich verfehlen. Dort hatten 1990 nur 51 % Zugang zu Trinkwasser, bis 2010 ist dieser Wert sogar um einen Prozentpunkt zurückgegangen. Weiterhin existieren große Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Regionen. Von zehn Menschen weltweit, die keinen Zugang zu Wasser haben, leben acht auf dem Land.
Wenn sich die gegenwärtigen Entwicklungen fortsetzen wird das Ziel verfehlt werden, den Anteil der Menschen, die keinen Zugang zu sanitären Anlagen haben, zu halbieren. Aktuell gibt es für 2,6 Mrd. Menschen keinen Zugang zu sanitären Anlagen, wobei 1,1 Mrd. Menschen offene Defäkation praktizieren müssen. Bei Fortsetzung der momentanen Entwicklung werden bis 2015 insgesamt 2,7 Mrd. Menschen keinen Zugang zu sanitären Anlagen haben. Jedes Jahr sterben über 3,5 Mio. Menschen aufgrund von verschmutztem Wasser, darunter 1,5 Mio. Kinder unter 5 Jahren. Das bedeutet alle 20 Sekunden stirbt ein Kind wegen verdrecktem Wasser. Damit sterben mehr Menschen an verseuchtem Wasser, als an AIDS, Malaria und Masern zusammen.

wwt: Bereits 2005 wurde die UN-Dekade „Wasser –Quelle des Lebens“ eröffnet. Bitte ziehen Sie für unsere Leser eine kurze Zwischenbilanz.

DR. WAGNER: Die Dekade soll die politischen Entscheidungsträger und die allgmeine Öffentlichkeit weltweit für Wasserthemen sensibilisieren und Aktionen ins Leben rufen, um bereits international erklärte Verpflichtungen in die Wirklichkeit umzusetzen. In den letzten Jahren konnten wir Fortschritte wie auch Rückschritte verzeichnen, wobei die Forschritte überwiegen. Die deutsche Regierung unterstützt mit 350 Mio. EUR Wasserprojekte in 28 Ländern. Rund 80 Mio. Menschen profitieren so von deutscher Hilfe.

wwt: Könnten Sie unseren Lesern einige Beispiele nennen?

DR. WAGNER: Deutschland engagiert sich beispielsweise stark im Ausbau des Wassersektors in den palästinensischen Gebieten. Dabei wird nicht nur die Modernisierung der Wasserinfrastruktur gefördert, sondern gleichzeitig auch der israelisch-palästinensische Dialog. Dieser ist nötig, um die Verteilung der verfügbaren Wasserressourcen zu koordinieren. Die Gespräche wurden auch dann fortgesetzt, als zwischen beiden Seiten der Dialog in Zeiten gewaltsamer Auseinandersetzungen unterbrochen wurde. Im vergangenen Sommer eröffnete mit deutscher Beteiligung eine zweite Kläranlage in den palästinensischen Gebieten.
Das ist global gesehen eine kleine Etappe, aber für viele Menschen in der Region ein riesiger Fortschritt. Diese kleinen Projekte erfahren natürlich nicht die gleiche mediale Aufmerksamkeit, wie andere große Projekte im Wassersektor – hier kann als Beispiel das Tsunami-Frühwarnsystem für Indonesien genannt werden. Aber jedes einzelne Projekt berührt oft mehrere Themenbereiche gleichzeitig.

 

 

 

 

 

wwt: Zu den Schwerpunkten der DGVN-Öffentlichkeitsarbeit gehört die Bereitstellung von Informationen und Unterrichtsmaterialien. Welche Publikationen sind zum Thema „Wasser“geplant?

DR. WAGNER: Die DGVN hat bis heute verschiedene Publikationen oder einzelne Beiträge zum Thema Wasserveröffentlicht. Zu erwähnen ist hier vor allem die Multimedia-DVD mit dem Titel: „Nicht nur eine Frage der Knappheit: Macht, Armutund die globale Wasserkrise“von 2008. Aufgrund des großen Erfolgs planen wir, diese DVD, die auf einem Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen aufbaut, 2011 nachpressen zulassen. Außerdem haben wir noch eine Restauflage eines Schülerhefts für die Sekundarstufe I mit dem gleichen Titel, das in Einzelheften –solange der Vorrat reicht –bei uns bestellt werden kann. Der englischsprachige Prototyp einer „intelligenten UN-Suchmaschine“ zum Thema Wasser kann im Internet unter „resolutionFinder.org“ bereits ausprobiert werden.

Das Gespräch führte Manfred Radloff

 

KONTAKT
Dr. Beate WAGNER
Generalsekretärin Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen
Zimmerstraße 26/27
10969 Berlin
Tel.: 030/259375-20
Fax: 030/259375-29
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