Interview aus Heft 4/2011 I
Maßnahmepaket für die Spree
Anita TACK
Sowohl für Trockenperioden als auch für Hochwasserszenarien muss die Spree fit gemacht werden.
wwt: Das Niedrigwasser der Spree gehört zu den größten Umweltproblemen im Land Brandenburg. Worin liegen die wesentlichen Ursachen für den Zustand des Flusses?
TACK: Das Flussgebiet der Spree ist durch den Wechsel sehr verschiedener Nutzungen gekennzeichnet. Zu nennen sind insbesondere der Braunkohlenbergbau sowie die Folgeindustrie. Im Zusammenhang mit der bergbaulichen Entwässerung zur Freihaltung der Kohlefelder waren und sind erhebliche Mengen an Sümpfungswasser zu heben und abzuleiten. Dadurch entstanden großflächige Absenkungstrichter. Geprägt wird das Flussgebiet der Spree darüber hinaus durch das Talsperrensystem Bautzen und Quitzdorf in Sachsen sowie Spremberg in Brandenburg, deren Bewirtschaftung zu ähnlichen Abflussverhältnissen führt. Schließlich ist der Spreewald zu nennen, dessen sommerliche Verdunstungsverluste zu einem hohen Wasserbedarf mit deutlich negativer Bilanz auf das unterhalb gelegene Gebiet führen. Deshalb ist, insbesondere zur Ableitung des so genannten Sümp fungswassers und zur Gewährleistung der Schifffahrt auf den unteren Flussbereichen, die Spree in früheren Jahren abschnittsweise ausgebaut worden. So macht sich nun eine Anpassung an die reduzierten Abflüsse notwendig.
wwt: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der „Masterplan Spree“?
TACK: Im Jahr 2004 wurde der Masterplan Spree zur Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie aufgestellt. Grund waren sowohl die Niedrigwasserproblematik als auch ein effizienter Hochwasserschutz. Der Masterplan bildet das Dach, unter dem die Umsetzung unterschiedlich finanzierter Projekte in einzelnen Spreeabschnitten erfolgt. Zur Lösung der Niedrigwasserproblematik wird sowohl eine Anpassung der Wasserbewirtschaftung durch das Landesamt für Umwelt als auch die Anpassung der Gewässerprofile an die zu erwartenden geringeren Abflüsse erforderlich. Der Anschluss von Altarmen, Uferentfesselungen, Einbau von Sohlschwellen, teilweise Sohlaufhöhungen in sehr tiefen Flussabschnitten und die Schaffung rauer Sohlstrukturen sind wichtige Maßnahmen zur Verbesserung der Gewässerstruktur. Damit sind auch in Niedrigwasserzeiten neben höheren Flusswasserständen Erhalt und Erweiterung der Strömungsvielfalt und des Angebots an Lebensräumen für fließgewässertypische Arten möglich. Darüber hinaus wird auch die Reaktivierung der Flussauen angestrebt. Deichrückverlegungen sowie das Zulassen früherer für die Spree typischer Frühjahrshochwässer in Verbindung mit einer Anpassung der Agrar- Umweltprogramme für eine nachhaltige Bewirtschaftung werden auf Landesebene diskutiert.
wwt: Was wurde mit dem Masterplan bisher erreicht?
TACK: Die Maßnahmenplanung und -umsetzung ist in den einzelnen Spreeabschnitten unterschiedlich weit fortgeschritten. Zur lokalen Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie wird ein Gewässerentwicklungskonzept „Cottbuser Spree“ erarbeitet. Die Maßnahmeplanung für dieses Konzept orientiert sich an dem seit 2005 laufenden Spreeauen-Renaturierungsprojekt nördlich von Cottbus. Dort realisiert zurzeit das Unternehmen Vattenfall als bergbauliche Kompensationsmaßnahme auf einer Länge von 11 km eines der größten Renaturierungsvorhaben für Fließgewässer im Land Brandenburg. Im Spreewald stehen gegenwärtig die Konzepte „Oberer Spreewald“ und „Unterer Spreewald“ mit Maßnahmen zur Strukturverbesserung auf der Tagesordnung. Mit dem vom Bundesamt für Naturschutz, dem Land Brandenburg und dem Zweckverband finanzierten „Gewässerrandstreifenprojekt Spreewald“ soll vorrangig der Wasserrückhalt in der Landschaft in Verbindung mit der Aufwertung des ökologisch wertvollen Fließgewässersystems stabilisiert werden.
wwt: Bitte nennen Sie unseren Lesern die wesentlichen Aufgaben der im vergangenen Jahr beim Landesumweltamt gegründeten Arbeitsgruppe „Niedrigwasser Spree“.
TACK: Die wesentlichen Aufgaben der Arbeitsgruppe Niedrigwasser sind: die Information der zuständigen Behörden, Einrichtungen und Nutzer über die aktuelle Situation und Probleme im Flussgebiet. Ebenfalls ist dieses Gremium für die Abstimmung weiterer Maßnahmen und Einschränkungen im Rahmen der Anpassung an die Niedrigwassersituation verantwortlich. Auch die kontinuierliche Information der Öffentlichkeit und Fortschreibung des Niedrigwasserkonzeptes gehört zu den Aufgaben.
wwt: Die Wasserrahmenrichtlinie der EU sieht bis 2015 die Erreichung eines „guten Zustands“ von Gewässern vor. Wie sieht es für die Spree aus?
TACK: Inhalte und Ziele der Richtlinie sind eine echte Herausforderung – auch für Brandenburg. Der Weg zu einem guten Zustand ist bei vielen brandenburgischen Gewässern, auch der Spree, lang und schwierig. Fehlende Strukturen, Verbauungen, stoffliche Belastungen und Beeinträchtigungen des Abflussgeschehens gehören nach wie vor zu den Problemen. Nutzungsbedingte Restriktionen erschweren die Umsetzung der Richtlinie, die hohen Kosten verlangen eine Prioritätensetzung. Eine Verbesserung des Zustands kann bis 2015 nur in einigen Teilabschnitten erreicht werden. Hier werden wir von der Möglichkeit einer Fristverlängerung bis 2021 Gebrauch machen.
wwt: Apropos Niedrigwasser: In den letzten Wochen und Monaten gab es aber Probleme aufgrund der außergewöhnlich hohen Wasserführung. Wie gehen Sie damit um?
TACK: Mit dem anhaltenden Hochwasser seit August 2010 rückt auch die Spree wieder verstärkt in das Bewusstsein der Menschen. Allein im zweiten Halbjahr des Vorjahres hat es im Einzugsgebiet dieses Flusses mehr Niederschlag gegeben als normalerweise im ganzen Jahr. In Folge dessen hat die Spree eine außergewöhnlich hohe Wasserführung, die streckenweise zur Überflutung der gesamten verfügbaren Aue führt. Vor dem Hintergrund der ausgeprägten Trockenjahre, die diesem Phänomen vorausgegangen waren und den Klimaszenarien bis 2050 hatten bisher die Aktivitäten zur Bewältigung der Niedrigwasserproblematik an der Spree das Interesse der Öffentlichkeit gefunden. Unanhängig davon sind in den vergangenen Jahren auch die Arbeiten an den Hochwasser-Risiko-Managementplänen vorangebracht worden, deren Bedeutung nun in einem anderen Licht erscheint. Das Extremjahr 2010 hat uns gezeigt, dass wir die Spree sowohl für extreme Trockenzeiten als auch für extreme Überflutungsereignisse fit machen müssen. Sowohl Maßnahmen für einen effizienten Hochwasserschutz als auch nachhaltige Lösungen für Trockenphasen sind notwendig, um die Ansprüche an die Spree erfüllen zu können.
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