Kommentar aus Heft 10/2011

10/2011

Klärschlamm: Segen oder Fluch?

Prof. Dr.-Ing. Frank KOLB

Eine nahezu salomonische Antwort wird aus einem „sowohl als auch“ bestehen. Im ländlichen Bereich ist der Blick auf die segensreichen Nährstoffe sicherlich gerechtfertigt, wobei die Zielsetzung der Klärschlammvererdung in der Entwässerung des Flüssigschlamms und dem Abbau der organischen Inhaltsstoffe liegt. Maßgeblich für die Zielerfüllung sind eine ausreichende Fläche für die Behandlungsbeete und deren gleichmäßige Beschickung.


Die Höhe der Zielvorgaben wird im Wesentlichen durch die Auswahl des Bewuchsmaterials festgelegt, das die Milieubedingungen (aerob/anaerob) und damit die Aktivität in den Beeten beeinflusst. Die Klärschlammvererdung stellt bei richtiger fachlicher Auslegung und sachgerechtem Betrieb ein kostengünstiges Verfahren für viele ländliche Gemeinden dar, eine umweltverträgliche Entsorgung ihrer Klärschlammaufkommen zu gewährleisten.

Der Übergang zum weniger segensreichen Entsorgungsgut wird auch im ländlichen Bereich damit eingeleitet, dass ab 2014 nach dem Düngemittelgesetz keine organischen Polymere für die Entwässerung von Klärschlamm mehr eingesetzt werden dürfen. Deshalb ist die Zielrichtung für eine Entwässerung des Klärschlamms ohne Flockungshilfsmittel sicherlich eine zukunftsweisende Methode, zumal die Möglichkeiten der hydrodynamischen Trennverfahren sicherlich noch nicht ausgeschöpft sind.

Bei größeren kommunalen Reinigungsanlagen wird der Klärschlamm eher zum fluchbeladenen Übel, für dessen umweltgerechte Verwertung hohe finanzielle und personelle Ressourcen aufgewendet werden müssen. Zum einen durch die hohen Stickstoffrückbelastungen aus dem Schlammwasser für den Reinigungsbetrieb und zum anderen durch die Einschränkungen der stofflichen Verwertung aufgrund der organischen sowie anorganischen Schadstoffgehalte im Klärschlamm.
Aufgrund dieser Randbedingungen hat sich der Anteil der thermischen Klärschlammverwertung an der zu entsorgenden Menge weiter erhöht. Etwa 53 % des bundesdeutschen Klärschlamms wird thermisch als Sekundärbrennstoff genutzt. Der überwiegende Teil der Klärschlämme wird auf 75 bis 90 % TR getrocknet
und anschließend verbrannt. Welche Art von Trocknungswärme eingesetzt wird, ob z. B. rein „grün“ in Form von Sonnenenergie oder als „Abfallprodukt“ in Form von Abwärme, hängt von den standortspezifischen Gegebenheiten ab.

Bei einer thermischen Nutzung in einer Monoverbrennungsanlage sind wir in der Lage, die in der Asche gebundenen Phosphate zu entziehen. Somit lässt sich doch eine Antwort geben: Jeder Fluch aus technischer Sicht enthält auch einen Segen – er treibt uns als Fachleute an, sich der Problematik zu stellen und neue segensreiche Innovationen für eine verbesserte Wasserver- und -entsorgung zu entwickeln.

Ich wünsche Ihnen viel Freude und informative Unterhaltung
bei der neuen Ausgabe der wwt.

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