Programm „Rhein 2020“

11/2011

Im Gespräch mit Ben van de Wetering

Manfred Radloff

Ben-van-de-Wetering_IKSREine erste Bilanz: Der Lachs schwimmt wieder im Rhein, aber der Fluss bleibt ein „erheblich verändertes“ Gewässer.

Die Rhein-Anliegerstaaten und die Europäische Kommission arbeiten seit Jahren in der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) zusammen.
wwt: Was sind die aktuellen Arbeits-Schwerpunkte der Kommission?
van de Wetering: Bereits seit mehr als 60 Jahren kommen wasserwirtschaftliche Experten/innen aus der Schweiz, den Niederlanden, aus Deutschland, Frankreich und Luxemburg in der IKSR zusammen. Und seit In-Kraft-Treten der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) mit vorgeschriebener flussgebietsweiter Koordinierung arbeiten wir auch mit Österreich, Liechtenstein und der belgischen Region Wallonien zusammen. Die aktuellen Arbeits-Schwerpunkte in der IKSR sind: Wiederherstellung der biologischen Durchgängigkeit und Erhöhung der Habitatvielfalt, Verbesserung der Wasserqualität, Verbesserung der Hochwasservorsorge und des Hochwasserrisikomanagements sowie Ausarbeitung von Anpassungsstrategien an die Effekte der Klimaänderung.
wwt: Im Januar war es zehn Jahre her, dass ein Programm „Rhein 2020“ verabschiedet wurde. Wie schätzen Sie die bisherigen Ergebnisse ein?
van de Wetering: Zurzeit wird die Bilanz 2010 zu den Themen: Ökologie, Wasserqualität, Hochwasser und Grundwasser vorbereitet und voraussichtlich Mitte 2012 publiziert. Die bereits bis 2005 angestrebte Reaktivierung von 20 km² Überschwemmungsauen wurden über neue Hochwasserrückhalteräume und die gewünschte Zahl der Altarme wieder an die Rheindynamik angebunden. Die Strukturverbesserung auf 400 km Rheinhauptstrom zur Verstärkung der Habitatvielfalt konnte weder bis 2005 noch bis heute realisiert werden. Die jetzt laufende Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) bis 2015 bzw. bis 2027 wird hierzu weitere Beiträge leisten. Die Schadstoffbelastung des Rheins konnte übrigens bereits vor 2000 deutlich zurück gedrängt worden. Klar ist, dass einige Schadstoffe noch weiter vermindert werden müssen. Und verschiedene Stoffgruppen von Mikroverunreinigungen stehen im Fokus, zumal die heutige Klärtechnik diese nicht eliminiert. Bei der Umsetzung des Aktionsplans Hochwasser, der Teil des Programms „Rhein 2020“ ist, zeigen sich bis 2010 deutlich positive Effekte. Bis etwa zum Mittelrhein werden 30 cm Abminderung eines Extremhochwasserstandes durch die Rückhaltemaßnahmen am Oberrhein erreicht, die Höhe der Abminderung nimmt in Richtung Unterlauf allerdings deutlich ab. Auch hier werden durch die Umsetzung der Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie weitere Schritte in die Wege geleitet.
wwt: …und wie sieht es derzeit konkret mit der Belastung mit Schwermetallen und anderen Schadstoffen aus?
van de Wetering: Laut IKSR-Untersuchungsergebnissen bereiten von den im Jahr 2003 definierten 15 Rhein-relevanten Stoffen Zink, Kupfer und Polychlorierte Biphenyle (PCB) nach wie vor ein Problem. Für Zink und Kupfer sind Maßnahmen an der Quelle zu ergreifen. Im Grunde sind heute bereits alle verfügbaren operationellen Maßnahmen für die Reduzierung diffuser Kupfer- und Zinkeinträge ergriffen oder in Gang gesetzt worden. Zudem liegen Vorschriften zur Reduzierung punktueller Einleitungen vor. PCB gehört, genau wie Hexachlorbenzol (HCB), zu den Belastungen, die die Sedimentqualität negativ beeinflussen und sich in Fischen anreichern. Direkte PCB-Einleitungen sind nicht mehr bekannt. Indirekte Verunreinigungen erfolgen über verunreinigte Gewässersedimente. Seit 2008 arbeitet die IKSR an Strategien für den künftigen Umgang mit Einträgen von Stoffen, die z. B. durch ein verändertes Verbraucherverhalten an Bedeutung gewinnen. Eine Projektgruppe MIKRO befasst sich mit der Beurteilung der Relevanz von Mikroverunreinigungen wie z. B. Arzneimittelrückständen und Reinigungsmitteln sowie mit entsprechenden Minderungsstrategien.
wwt: Nach wie vor stellen Schiffshavarien Gefahrenquellen dar. Gibt es angesichts des Unfalls des Säuretankers „Waldhof“ neue Überlegungen über den Schutz des Stroms?
Van de Wetering: Schiffshavarien können niemals ausgeschlossen werden. Aus Sicht der IKSR sind die relevanten Informationen zum Schiffsunfall an der Loreley mittels fünf Meldungen über den Warn- und Alarmplan Rhein zeitnah und korrekt gemeldet worden. Aus diesem Grund sind keine neuen Überlegungen in der IKSR erforderlich, denn die Zusammenarbeit mit den verantwortlichen Behörden war gut. Das kontrollierte Ablassen der Schwefelsäure – durch Messungen vor Ort begleitet – führte zu einer zeitweise leichten, ökologisch jedoch unbedenklichen pH-Wert-Absenkung. Die Bewertung aus der Sicht der Rheinschifffahrt, die für 32 Tage eingestellt werden musste, sieht sicherlich anders aus. In Zusammenhang mit schifffahrtsbedingten Gewässerverunreinigungen wurde allerdings kürzlich in Deutschland eine rechtliche Anpassung in die Wege geleitet, die die IKSR positiv sieht: Daten zur Position von Binnenschiffen und ihrer Transportgüter sollen künftig länger gespeichert werden. Bisher war lediglich eine Speicherfrist von vier Stunden vorgesehen. Bei einer Verlängerung kann eine eventuelle Rheinverschmutzung durch entsprechende Schiffe, z. B. durch illegale Verklappung von Ladungsresten, leichter nachverfolgt werden.
wwt: Das Ökosystem des Rheins soll so verbessert werden, dass der Lachs und andere Wanderfische im Strom wieder heimisch werden können. Waren die bisherigen Aktionen erfolgreich?
Van de Wetering: Seit dem Start des Lachs-Wiederansiedlungsprogramms etwa 1990 nach dem Sandoz-Unfall können wir als großen Erfolg festhalten: Bis Ende 2010 sind mehr als 6.200 Lachse nachweislich wieder in den Rhein bzw. seine Nebenflüsse zurück gekehrt, um dort abzulaichen. Es gibt jedoch noch keine stabile Population. Viele Wanderwege sind nicht offen. Aber mit der Einbettung der Maßnahmen in die Wasserrahmenrichtlinie und der Verpflichtung aller Staaten, wieder naturnähere und durchgängigere Gewässer zu schaffen, sind wir auf dem richtigen Weg. Der Lachs war das richtige Symbol für ein ökologisch intaktes Gewässersystem.
wwt: „Rhein 2020“ dient ja auch der Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie. Kann Ihrer Ansicht nach der geforderte „gute chemische und ökologische Zustand“ im Einzugsgebiet des Rheins erreicht werden?
Van de Wetering: Ziele und Maßnahmen des Programms Rhein 2020 und der WRRL gehen in dieselbe Richtung. Der gute chemische Zustand wird im betrachteten Gewässernetz voraussichtlich nicht erreicht. Das gilt für den Rheinhauptstrom und für viele Nebenflüsse. Ursache ist in den meisten Fällen die Überschreitung der Umweltqualitätsnormen für die polyzyklischen aromatischen Wasserstoffe (PAK). Ursache für PAK sind vor allem diffuse Emissionen aus Verbrennungsanlagen und Motoren, Autoreifen, Schifffahrt und aus der Nutzung von Kohlenteer und Kreosot vor allem im Wasserbau als Holzkonservierungsmittel. PAK werden insbesondere über die Atmosphäre eingetragen. Die EU-Mitgliedstaaten haben entsprechende Fristverlängerungen beantragt. Ähnliches gilt für das Erreichen des guten ökologischen Potenzials beim in der IKSR betrachteten Gewässernetz, da fast alle Gewässer erheblich verändert sind. Einerseits gibt es Probleme mit dem Zurückdrängen verschiedener Schadstoffe im Bewirtschaftungszeitraum. Anderseits können in so wenigen Jahren vorwiegend monotone, ausgebaute Gewässer wohl nicht wieder komplett naturnah werden. Der ökologische Zustand verbessert sich durch die laufenden Maßnahmen aber auf jeden Fall, wenn auch nicht alle Ziele erreicht werden sollten.
 

KONTAKT
IKSR Internationale Kommission zum Schutz des Rheins
Kaiserin-Augusta-Anlagen 15
56068 Koblenz
Tel.: 0261/94252-0
Fax: 0261/94252-52
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