Schutz vor künftigen Hochwasserereignissen

Schutz vor künftigen Hochwasserereignissen

aus der Ausgabe 
Dezember, 2017

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Im Gespräch mit Johannes Strassmayr, Geschäftsführer der Sobos GmbH und Produktentwickler von PegelAlarm
Bildquelle: Sobos GmbH

Gewässerinformationssysteme gekoppelt mit nutzerbezogenen Apps können Bürger und Einsatzkräfte rechtzeitig vor Gefährdungen schützen. 

Die Hochwasserereignisse in Mitteleuropa werden zahlreicher und die dadurch verursachten Schäden gravierender. wwt sprach mit Johannes Strassmayr, Geschäftsführer der Sobos GmbH, über daraus resultierende Gefährdungen und Möglichkeiten sich davor zu schützen.

wwt: Sind Ihrer Meinung nach bislang ergriffene präventive Maßnahmen der Kommunen ausreichend, um künftig vor Hochwasser besser geschützt zu sein?
STRASSMAYR: Wir begrüßen Maßnahmen wie Rückhaltebecken und Hochwasserschutzsysteme der Kommunen. Sie bieten Schutz und sind in der Regel auch für zukünftig stärkere Ereignisse konzipiert. Da diese aber meist reaktive Maßnahmen darstellen, sehen wir Herausforderungen in bisher nicht betroffenen Risikogebieten. Dort fehlen diese Schutzsysteme. Zudem haben wir die Erfahrung gemacht, dass Bewohner nicht über ihre bestehende Gefährdung Bescheid wissen. In Befragungen mussten wir eine fehlende Selbstverantwortung – sich über Risiken aufzuklären – feststellen. Die Verantwortung wird hier oftmals bei den Zuständigen der Kommunen gesehen.

wwt: Sie entwickeln mit Ihrem Team seit 2014 länderübergreifende Datendienste, die die Nutzer vor Hochwasser schützen sollen. Eine Innovation ist die App PegelAlarm. Für wen ist der Informationsdienst gedacht und wie funktioniert er?
STRASSMAYR: Unsere App für iOS und Android sowie die SMS-Warnungen von PegelAlarm richten sich an hochwasserverantwortliche Personen in Kommunen, Einsatzorganisationen und Privatpersonen in Hochwassergebieten. Sie verwenden den Dienst, um garantiert und rechtzeitig über steigende Wasserstände und Durchflüsse informiert zu werden. Dabei geben wir den Benutzern die Möglichkeit den Wasserstand über die Hochwasser-Warnhöhe individuell bei einem oder mehreren Messpunkten einzustellen. Im Falle einer Alarmierung können die Empfänger Sofortmaßnahmen einleiten. Je nach Benutzergruppe reichen diese von der Installation von Schutzsystemen bis zur Initiierung oder Koordination der Rettungskette. Neben dem Einsatz im Hochwasserfall wissen wir um eine wachsende Nutzerbasis im Bereich von Kraftwerksbediensteten und Speditionen. Diese schätzen PegelAlarm aufgrund der stets aktuellen und länderübergreifenden Datenbasis mit über 4.500 Pegeln.
Die PegelAlarm Datenschnittstelle (API) wird zunehmend von Alarmierungsdienstleistern für die Organisation von Einsätzen  verwendet. Sie erweitern ihre bestehenden Dienste, die damit im gesamten deutschsprachigen Raum einheitlich funktionieren.

wwt: Woher beziehen Sie die Informationen für das Gewässerinformationssystem und wie haben Sie diese in Ihr System eingebunden? 
STRASSMAYR: PegelAlarm ist ein Softwaresystem, das automatisch und fortlaufend vordefinierte Datenquellen nach aktuellen Gewässerdaten durchsucht. Werden neue Gewässerdaten gefunden, werden diese verarbeitet und auf den PegelAlarm Plattformen veröffentlicht. Die derzeit 45 Datenquellen sind Webseiten, Open-Data-Schnittstellen und speziell für PegelAlarm autorisierte Datenzugänge. Die Datenanbieter sind Staaten, Länder, Kommunen sowie Privatpersonen, Einsatzorganisationen und Unternehmen. Zusätzlich integrieren wir die Daten des RiverMeter, einem von uns vertriebenen energieautarkem Gerät zur Messung von Wasserständen. Dank des Solarpanels und der GSM-Datenübertragung kommt dieses ohne Kabelanbindung aus und ermöglicht eine flexible Einsetzbarkeit. Die Entscheidung ob dessen Daten allgemein zugänglich oder nur einer eingeschränkten Benutzergruppe zur Verfügung gestellt werden, liegt beim Messstationsbetreiber.

wwt: Open Government Data  bzw. die Bereitstellung offener Verwaltungsdaten und deren Vernetzung sollen in Deutschland weiter forciert werden. Ist das in anderen mitteleuropäischen Ländern ebenso?
STRASSMAYR: Deutschland, Österreich und Großbritannien sind hier Vorreiter. Allein im Vorjahr wurde eine Reihe von Verwaltungs- und Umweltdaten aus mehreren Bundesländern als Open-Data veröffentlicht. Allgemein ist ein Trend in diese Richtung zu beobachten. Es bleibt zu hoffen, dass sich weitere mitteleuropäische Länder anschließen und Open-Data zu einem fixen Bestandteil der Verwaltung wird. Bedenken über eine unkontrollierte Datenverwendung und der Umstand, dass es sich bei Gewässerdaten um dynamische – sich laufend ändernde – Daten handelt, sind die größten Herausforderungen bzw. verlangsamen den Veröffentlichungsprozess. Sobald die Politik erkennt, dass die wirtschaftlichen Vorteile überwiegen, ist es nur eine Frage der Zeit bis die Potenziale von Verwaltungsdaten voll ausgeschöpft werden können.

wwt: Welche Rolle spielen offene Verwaltungsdaten für Ihre Entwicklerarbeit und wie bewerten Sie deren Verfügbarkeit und Nutzbarkeit?
STRASSMAYR: Die Anbieter und Formate von Geo-, Umwelt- und Wasserstandsdaten sind so zahlreich wie unterschiedlich. Um eine einheitliche Plattform für Datenabnehmer zu schaffen, wurde PegelAlarm entwickelt. Der Trend zu Open-Data kommt unserem Produktumfang dabei natürlich entgegen. Uns stehen laufend neue Datenquellen zur Verfügung, die von unseren Entwicklern in PegelAlarm eingebunden werden. Immer öfter kommen auch Datenanbieter auf uns zu und bitten um die Aufnahme ihrer Daten in PegelAlarm. Die Integration stellt für sie eine kostengünstige Möglichkeit dar ihre Daten zu persistieren und einer definierten Nutzerbasis auf den PegelAlarm Plattformen zur Verfügung zu stellen. Dass wir auf dem richtigen Weg sind, zeigen die zunehmende Nutzung und Aufträge aus Industrie und Wirtschaft.

wwt: Sie haben als Firma das ambitionierte Ziel zentraler Datenlieferant von Gewässerdaten in Europa zu werden. Wie wollen Sie das Gewässerinformationssystem in Zukunft weiterentwickeln?
STRASSMAYR: Die Veröffentlichung von Gewässerdaten ist in Europa hierarchisch aufgebaut: Pro Staat werden Pegel auf Bundes-, Landes- und Regionsebene veröffentlicht. In Deutschland und Österreich haben wir die Vollabdeckung – was die Bundes- und Landesebene betrifft – bereits erreicht. Unsere Ziele sind nun eine noch dichtere Abdeckung im DACH-Raum sowie die Vollabdeckung auf Bundesebene in Resteuropa. Die Reihenfolge der in Zukunft aufgenommenen Datenbanken hängt von der Verfügbarkeit der Daten, von Lizenzfragen und dem möglichen Marktpotenzial bzw. Kundenaufträgen ab. Neben der Erweiterung des Datenumfangs arbeiten wir bereits an einer dynamischen Schnittstelle zu unserem System, weiteren Warnmöglichkeiten für externe Systeme und einem Prognosesystem auf Basis von Predictive Analysis. In der Schaffung einer länderübergreifenden Wasserstandsprognose sehen wir viel Potenzial bei den Themen Hochwasserprävention und Frachtkostenoptimierung.
Das Gespräch führte Nico Andritschke.

KONTAKT
SOBOS GmbH
Johannes Strassmayr
Humboldtstraße 40
A-4020 Linz
Tel.: +43 664 45 49 594
E-Mail: strassmayr@sobos.at
https://sobos.at