Die große Zeit der Wasserdesigner wird kommen

Die große Zeit der Wasserdesigner wird kommen

aus der Ausgabe 
Februar, 2018

imagegroup

Prof. Dr.-Ing. Mathias Uhl, Professor für Wasserwirtschaft und Siedlungswasserwirtschaft an der Fachhochschule Münster
Quelle: FH Münster/Wilfried Gerharz

Naturnahe Maßnahmen zur Regenwasserbewirtschaftung finden sich in vielen deutschen Kommunen. Wie steht es dabei um die Wahrnehmung und Akzeptanz der Bevölkerung?

Im Rahmen des Forschungsprojektes Wasserhaushalt siedlungsgeprägter Gewässer (WaSiG) wurde 2016 eine Akzeptanzanalyse von Regenwasserbewirtschaftungsmaßnahmen bei Anwohnern an 24 Standorten in den Städten Freiburg, Hannover und Münster durchgeführt. wwt sprach mit Prof. Dr.-Ing. Mathias Uhl, dem Projektleiter der Studie über Ziele und Ergebnisse der Akzeptanzanalyse sowie beispielhafte Projekte.

wwt: Was war der Anlass für das WaSiG-Projekt und worum ging es in der Untersuchung genau?
UHL: Die Akzeptanzanalyse ist einer der Arbeitspunkte im BMBF-Verbundprojekt „Wasserhaushalt siedlungsgeprägter Gewässer“ (WaSiG). Mit der Untersuchung wollten wir herausfinden, wie die Menschen über Maßnahmen der Regenwasserbewirtschaftung in ihrem Wohnumfeld denken und durch welche Faktoren dies beeinflusst wird.
wwt: Wer soll von den Ergebnissen der Studie profitieren und wie ist die Resonanz der Zielgruppe?
UHL: Von den Ergebnissen profitieren Politiker und die Fachverwaltungen von Kommunen. Sie haben eine repräsentative Aussage zur Hand über die Meinung der Bürger zur Regenwasserbewirtschaftung. Es verschafft ihnen mehr Sicherheit in künftigen Planungsverfahren für neue Wohngebiete.
wwt: Welchen Stellenwert hat die Regenwasserbewirtschaftung in urbanen Räumen generell? Gibt es Kommunen die Sie als Vorreiter bezeichnen würden?
UHL: Die Regenwasserbewirtschaftung ersetzt zunehmend die alte Regenwasserableitung, die zu erheblichen Schäden in Gewässern führen kann. Maßnahmen der Regenwasserbewirtschaftung werden bereits im Wasserhaushaltsgesetz mit Priorität gefordert. Mit einem neuen technischen Regelwerk wird künftig gefordert, dass der Wasserhaushalt von Neubaugebieten dem Landschaftswasserhaushalt ohne Bebauung nahekommt. Das wird künftig auch rechnerisch nachzuweisen sein.
Mittlerweile haben alle Städte, die auf der Höhe der Zeit sind, Wohn- und Gewerbegebiete mit Regenwasserbewirtschaftung. Hannover hat zur EXPO 2000 den nachhaltigen Stadtteil Kronsberg gebaut, dessen Regenwasserbewirtschaftung natürlich auch heute noch sehenswert ist. Als beispielhaft zu nennen sind auch die Städte Berlin, Hamburg, Freiburg und Tübingen mit großen Neubaugebieten, auch Münster mit dem künftigen Stadtteil Oxford. Und natürlich haben die 17 Ruhrgebietsstädte gemeinsam mit der Emschergenossenschaft die Zukunftsvereinbarung Regenwasser abgeschlossen.
Auch im Ausland wird dieser Weg beschritten. Früher Vorreiter ist Australien, wo der schöne Begriff „water sensitive urban design“ erfunden wurde oder Singapore, die Vorzeigemetropole Asiens. Auch in den riesigen chinesischen Großstädten wird das Konzept „sponge city“, also Schwammstadt durchgesetzt. Also, es ist keine kleine akademische Idee, sondern eine ganz große Sache, Stadt und Landschaft wieder näher zusammenzubringen. Und die Leute lieben es, wenn es gut mit Stadtgrün in ihr Wohnumfeld eingefügt ist. Wir nennen es dann „blue green infrastructure“. Und wenn Sie Regenwasser auch noch als Ressource nutzen, was meinen Sie, wie Ihre Laune steigt, wenn es regnet.
wwt: Kommen wir zu den Ergebnissen der Studie. Wie ist es bei der Bevölkerung um das Wissen zum Thema Regenwasserbewirtschaftung bestellt und als wie wichtig werden von ihr solche Maßnahmen bewertet?
UHL: Die Menschen haben die Regenwasserbewirtschaftung schätzen gelernt. Man weiß in etwa um die Zusammenhänge Bescheid und bekommt ein fundiertes Wissen über die Zusammenhänge. Oft werden die Systeme ja ganz einfach gebaut. Regenwasser fließt oberirdisch in Rinnen, sickert in Mulden in den Untergrund und so weiter. Die Menschen schätzen es, denn einfache Systeme sind klar und verständlich. Uns hat es sehr überrascht, dass die Menschen in Münster eine offene Wasserführung in Rinnen und Gräben so positiv sehen. Münster wurde in 2014 vom stärksten Niederschlag überrascht, der je in Deutschland fiel. Bei offener Wasserführung sehe und verstehe man, wie das Wasser fließt und man wird nicht plötzlich überrascht, wenn die sicher geglaubte, teure Kanalisation versagt.
wwt: Bei der Regenwasserbewirtschaftung kommen verschiedene Maßnahmen zum Einsatz. Welche weisen die größte Akzeptanz auf? Sind Unterschiede feststellbar, ob die Projekte im öffentlichen Raum oder auf privaten Grundstücken umgesetzt werden?
UHL: Durchlässige Flächenbeläge, Dachbegrünungen und Versickerungsmulden finden eine sehr hohe Akzeptanz. Ob die Maßnahmen auf privatem oder öffentlichen Grundstücken umgesetzt werden, spielt nicht so die entscheidende Rolle, sondern eher der Bebauungstyp. In Einfamilienhausgebieten war die Akzeptanz geringer als in verdichteten Bauweisen bis hin zum Geschosswohnungsbau. Diese Bewohner kommen damit sehr gut klar.
wwt: Stichwort Motivation: Wie ist die Bereitschaft zur Umsetzung von neuen Maßnahmen und werden von den Bürgern diesbezüglich Hemmnisse gesehen?
UHL: Der größte Flächenanteil in Baugebieten sind die Dachflächen. Bewirtschaftung und Rückhaltung müssen hier unbedingt ansetzen, denn jeder nicht abgeflossene Tropfen Wasser ist ein guter Tropfen. Dachbegrünung und durchlässige Flächenbeläge sind sehr wirksam. Die Menschen möchten eine schöne und sichere Wohnumgebung. Das muss die Regenwasserbewirtschaftung funktional und gestalterisch bedienen. Und hier wünschen sich viele Menschen eine noch bessere Gestaltungsqualität. Nimmt man das ernst, so wird die große Zeit der Wasserdesigner noch kommen.
Das Gespräch führte Nico Andritschke.

KONTAKT
Fachhochschule Münster
Institut für Infrastruktur, Wasser, Ressourcen, Umwelt (IWARU)
AG Siedlungshydrologie und Wasserwirtschaft
Prof. Dr.-Ing. Mathias Uhl
Corrensstraße 25
48149 Münster
Tel.: 0251/8365201
E-Mail: uhl@fh-muenster.de
www.fh-muenster.de