Mission Wasser: Auf dem Weg in die Zukunft

Mission Wasser: Auf dem Weg in die Zukunft

aus der Ausgabe 
August, 2018

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Im Gespräch mit Jörg Simon, Vorstandsvorsitzender Berliner Wasserbetriebe

Die BWB steigern seit Jahren ihre Investitionen in die Infrastruktur. Kanäle, Klär- und Wasserwerke werden ertüchtigt, um Gewässer und das Berliner Trinkwasser bestmöglich zu schützen.

Eine weitergehende Abwasserreinigung, moderne Klärschlamm¬verwertung oder das Stauraumprogramm sind seit langem Themen für den größten kommunalen Dienstleister. Mit Weitblick, gut ausgebildeten Fachkräften und vernetzt mit regionalen Forschungsinstitutionen gelingt es den Berliner Wasserbetrieben (BWB), sich für anstehende Herausforderungen zu wappnen. wwt sprach mit Jörg Simon, Vorstandsvorsitzender der BWB, über aktuelle Aufgaben, Projekte, das Novum Regenwasseragentur sowie eine neue Plattform zur Fachkräfte- und Nachwuchsgewinnung.

wwt: Die Berliner Wasserbetriebe haben mit 2,3 Mrd. Euro Volumen ein großes Investitionsprogramm bis 2023 aufgelegt. Welche Bereiche stehen dabei im Fokus?
SIMON: Wir sind in unseren Kernbereichen zukunftssicher aufgestellt, denn die entscheidenden Weichenstellungen für die Investitionen der kommenden Jahre haben wir bereits in der Vergangenheit vorgenommen. Dennoch werden wir mehr als in den vergangenen Jahren investieren, etwa um etwa neue gesetzliche Anforderungen der Wasserrahmenrichtlinie an die Gewässergüte zu erfüllen, Spurenstoffe besser zu beseitigen und Regenwasser so zu behandeln, dass unsere Anlagen und die Gewässer möglichst wenig belastet werden. Zu unseren Projekten gehören daher die Ausrüstung unserer Kläranlagen mit einer weitergehenden Abwasserreinigungsstufe und die Fortsetzung unseres Stauraumprogramms mit dem Land Berlin, um künftig Mischwasserüberläufe in innerstädtische Gewässer seltener zu machen.
Gesetzliche Anforderungen in Bezug auf Klärschlamm zwingen uns ebenfalls dazu, Vorsorge zu treffen. Wir möchten auf dem Gelände des Klärwerkes Waßmannsdorf eine Klärschlammverwertungsanlage errichten und stimmen dieses Vorhaben gerade mit den zuständigen Behörden ab. Wichtige Investitionen tätigen wir außerdem in unsere Infrastruktur, etwa in die Ertüchtigung unserer Abwasserdruckleitungen und Hauptversorgungsleitungen.

wwt: Ein Kernprojekt ist der Beginn der Erweiterung der sechs Berliner Kläranlagen um eine Reinigungsstufe zur Phosphor- bzw. Spurenstoffentfernung. Um welche Vorhaben geht es aktuell?
SIMON: Bei der Erweiterung und Modernisierung unserer Kläranlagen steht die Wasserrahmenrichtlinie im Fokus. Hier haben sich die Werte für Phosphor deutlich verändert. Aus diesem Grund werden bis 2025 alle Anlagen mit einer Flockungsfiltration zur Nährstoffentfernung ausgestattet – eine Technologie, die sich in der Oberflächenwasseraufbereitungsanlage (OWA) Tegel seit fast drei Jahrzehnten als einer Art nachgelagerte Reinigungsstufe für das Klärwerk Schönerlinde bereits bewährt hat. Im Klärwerk Ruhleben erweitern wir zudem die UV-Desinfektion für den Klarwasseranteil, der direkt in die Spree eingeleitet wird, um im Sommer die Badewasserqualität zu sichern.
Kläranlagen sind zwar nicht die Ursache, aber eine wichtige Eintragsquelle für Spurenstoffe in den Wasserkreislauf. Die Spurenstoffelimination ist dort sinnvoll, wo das Klarwasser nennenswerte Auswirkungen auf die Trinkwasserqualität hat. Das gilt bei uns für das Wasserwerk Tegel, weil es im Abstrom des Klärwerks Schönerlinde liegt. Deshalb bauen wir in Schönerlinde bis 2022 eine Ozonung mit nachgeschalteter Aktivkohlebehandlung ein.

wwt: Der Bund hat bezüglich der Spurenstoffelimination bisher zu keiner Strategie gefunden, die BWB schon. Fachleute bezweifeln jedoch, dass die vierte Reinigungsstufe das Spurenstoff-Problem komplett löst. Welche Erkenntnisse hat die Forschung der BWB dazu gewonnen?
SIMON: Da wir in Berlin einen vergleichsweise eng geschlossenen urbanen Wasserkreislauf bewirtschaften, beschäftigen wir uns seit vielen Jahren in diversen Forschungsprojekten mit dem Thema Spurenstoffe. Eine wichtige Erkenntnis aus diesen Projekten ist, dass es nicht das eine Verfahren gibt, das alle Stoffe eliminiert – zumal deren Zahl ständig wächst. Außerdem betrachten wir im Interesse der Nachhaltigkeit natürlich das Verhältnis von eingesetzter Energie und erzielbarem Entfernungserfolg. Vor diesem Hintergrund hat sich für uns die Ozonung mit nachgeschalteter Pulveraktivkohle als Mittel der Wahl erwiesen. Diese Technologie haben wir als Ergebnis des Forschungsprojekts ASKURIS in den vergangenen drei Jahren in der OWA Tegel auf Herz und Nieren getestet, um nun im Klärwerksmaßstab optimal investieren zu können.

wwt: Seit Jahren erweitern die BWB Stauraumkapazitäten im innerstädtischen Mischkanalnetz, um die Gewässer vor Verschmutzungen zu schützen. Mit dem städtischen Bauboom nehmen die versiegelten Flächen weiter zu. Mit welchem Konzept wird die urbane Regenwasserbewirtschaftung weiter umgesetzt?
SIMON: Die Regenwasseragentur, die maßgeblich vom Land Berlin finanziert wird, soll Behörden, Investoren und Öffentlichkeit beraten, wie die Stadt gegen Regen- und gegen Hitzestress resilienter werden kann. Die Erkenntnis, dass zentrale Abwasseranlagen da nur ein Teil der Lösung sein können und dass deshalb alle Eigentümer von Flächen und Gebäuden mitziehen müssen, ist inzwischen common sense. Die neuen baurechtlichen Regelungen des Landes Berlin zwingen Bauherren de facto, Regenwasser mitzudenken und mitzuplanen. Die Regenwasseragentur schafft dafür eine Wissensbasis. Die technischen Grundlagen, haben wir uns mit dem Verbundforschungsvorhaben KURAS „Konzepte für urbane Regenwasserbewirtschaftung und Abwassersysteme“, an dem wir beteiligt waren, geschaffen. Am Beispiel von ausgewählten Stadtquartieren in Berlin zeigte KURAS exemplarisch auf, dass Maßnahmen der Regenwasserbewirtschaftung wie etwa Gebäudebegrünung, Regenwassernutzung, Versickerungsanlagen, Entsiegelung, Teiche und auch klassische Regenspeicher die Kanalisation entlasten. Gleichzeitig verbessern diese Maßnahmen Stadtklima, Freiraumqualität und Artenvielfalt.

wwt: Stichwort Digitalisierung in der Wasserwirtschaft. Welche Chancen sehen Sie für Ihren Verantwortungsbereich und wie nehmen sich die BWB dieser Herausforderung an?
SIMON: Im Thema Digitalisierung steckt gewaltiges Potenzial für die Wasserwirtschaft. Die Sammlung und Auswertung unserer Daten hilft uns, unserer eigenen Aufgabe – der effizienten Bereitstellung von bestem Trinkwasser und Behandlung von Abwasser – noch besser gerecht zu werden. Die computergestützte Steuerung von Pumpen ist heute ebenso Standard wie die elektronische Überwachung von Wartungsintervallen. Fernauslesbare Zähler bringen Effizienzgewinne und nutzen auch dem Privatkunden. Im Netz werden bereits fernauslesbare digitale Durchflussmessgeräte eingesetzt: Sie messen ohne Sensor im Rohr und übertragen ihre Daten per Funk. In Echtzeit erfassen sie mögliche Druckverluste und Lecks und alarmieren den Netzbetreiber. Verbrauchs- und Erzeugungsdaten von Energie werden heute ebenfalls nahezu in Echtzeit digital erhoben und ausgewertet. Kombiniert mit Netzdaten der Energieversorger entsteht ein modernes Energiemanagement, das für Großverbraucher und -erzeuger, wie es Unternehmen der Wasserwirtschaft oft sind, unabdingbar ist.
Digitale Workflows in der Planung und Durchführung von Baumaßnahmen optimieren nicht nur die betriebsinternen Prozesse, sie schaffen auch Synergien, von denen eine ganze Stadt profitieren kann – nämlich, wenn alle Infrastrukturbetreiber nach einem Modell vorgehen, ihre Daten austauschen und so Maßnahmen bündeln. Wie zum Beispiel mit der infrest-App, die in Berlin die Daten und Bauarbeiten aller Netzbetreiber miteinander verbindet und so Transparenz schafft.
Außerdem unterstützen die BWB eine Stiftungsprofessur an der Technischen Universität Berlin, die sich in den nächsten Jahren mit intelligenten Wasser-Infrastrukturen beschäftigen wird. Und wir sind Partner im InfraLab, in dem die großen Infrastrukturbetreiber der Stadt Ideen zur Digitalisierung und Vernetzung der Smart City Berlin entwickeln und gemeinsam mit Unternehmen an den Markt bringen.

wwt: Die BWB sind Premiumpartner der wwt beim „Nachwuchspreis Deutsche Wasserwirtschaft“. Wie ist es um den Fachkräftebedarf bestellt und mit welcher Strategie sind die BWB in der Fachkräfte- und Nachwuchsgewinnung aktiv?
SIMON: Der demografische Wandel hat uns in der letzten Zeit intensiv beschäftigt. Wir haben dem ein eigenes Demografie-Konzept entgegengesetzt, das sicherstellen soll, dass wertvolles Erfahrungswissen dem Unternehmen lange erhalten bleibt und dass gleichzeitig ausreichend Fach- und Führungskräfte nachrücken, um die anspruchsvollen Aufgaben der Zukunft zu erfüllen. In den kommenden Jahren haben wir rund 700 Stellen zu besetzen. Im vergangenen Jahr haben wir daher erstmals eine eigene Arbeitgeberkampagne gestartet, um unsere Jobs, unser Netz der Möglichkeiten, noch bekannter zu machen. Auf den Plakaten werben wir mit dem Besten, das wir haben, nämlich unseren eigenen Beschäftigten. Und auf www.netzdermöglichkeiten.de können sich potenzielle Bewerberinnen und Bewerber über das informieren, was die Wasserbetriebe als Arbeitgeber zu bieten haben.
Das Gespräch führte Nico Andritschke.


KONTAKT
Jörg Simon
Vorstandsvorsitzender Berliner Wasserbetriebe
Neue Jüdenstraße 1
10179 Berlin
Tel.: 030/8644-2860
E-Mail: astrid.hackenesch-rump@bwb.de
www.bwb.de