Passgenaue und flexible Lösungen sind gefragt

Passgenaue und flexible Lösungen sind gefragt

aus der Ausgabe 
Mai, 2018

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Im Gespräch mit Georg Jungmann und Dr. Elke Sellering
Georg Jungmann ist einer der hauptamtlichen Geschäftsführer des Entsorgungsverbandes Saar - Quelle: EVS

Dr. Elke Sellering, Produktmanagerin Abwasser bei Eliquo Stulz - Quelle: Eliquo Stulz

Der Entsorgungsverband Saar bereitet sich auf wachsende Anforderungen an die Abwasserbehandlung vor. Auf der Suche nach technologischen Lösungen war ein Partner hilfreich.

Die IFAT 2018 als derzeit wichtigste Innovationsplattform für die Umweltbranche steht in den Startlöchern. Ein Thema das die Abwasserbranche auch in diesem Rahmen bewegen wird, ist die Suche nach Lösungen für eine effiziente Klärschlammbehandlung und -verwertung. Der Entsorgungsverband Saar hat schon vor der Novellierung der Klärschlammverordnung die Weichen diesbezüglich neu gestellt und 2016 ein Pilotprojekt gestartet. wwt sprach mit Georg Jungmann, Geschäftsführer beim Entsorgungsverband Saar (EVS) und Dr. Elke Sellering, Managerin Produktvertrieb Abwasser bei der Eliquo Stulz GmbH über die neue Technologie, damit verbundene Erfahrungen, erzielte Vorteile sowie Erwartungen an die Zukunft.

wwt: Welche Erwartungen verbinden Sie als EVS beziehungsweise Anbieter von Umwelttechnologien mit der Messe?
JUNGMANN: Als Abwasserverband interessieren uns besonders die Neuentwicklungen, die man auf der IFAT hautnah erleben kann. Aber natürlich dient ein solcher Branchentreff auch dem intensiven Informationsaustausch mit Vertretern anderer Verbände und sonstiger Institutionen, die sich mit „unseren“ Themen der Abwasser- und Abfallwirtschaft ebenfalls beschäftigen.
SELLERING: Für uns als Aussteller und Anlagenbauer ermöglicht die IFAT, dass wir unsere Technologien und Leistungen innerhalb von nur einer Woche einem großen Publikum präsentieren können. Neben unseren eigenen Produkten, wie z. B. der Thermodruckhydrolyse LysoTherm* und dem Niedertemperatur-Bandtrockner EloDry*, sind das auch unsere Gesamtkonzepte zur Klärschlammbehandlung und -verwertung.

wwt: Die Wasser- und Abwasserbranche befindet sich in einem Umbruch. Welche Herausforderungen sehen Sie aus Ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich als die wichtigsten an und wie gehen Sie damit um?
JUNGMANN: Neben der Erfüllung unserer originären Aufgaben – der sicheren und fachgerechten Abwasserreinigung und Abfallverwertung - treten zunehmend komplexere und übergeordnete Aspekte in den Vordergrund, insbesondere die Schonung bzw. effektive Nutzung unserer Ressourcen.
Aus der Sicht der Kläranlagenbetreiber sehen wir das Ziel der guten Gewässerqualität aus der EU-Wasserrahmenrichtlinie, die Problematiken Spurenstoffe und Mikroplastik sowie die Neuausrichtung der Klärschlammverwertung nach den jüngsten Novellierungen der rechtlichen Rahmenbedingungen als wesentliche Zukunftsthemen.
SELLERING: Die gerade angesprochenen Zukunftsthemen müssen sich in unserem Portfolio widerspiegeln. Unsere Kunden legen zudem immer mehr Wert auf passgenaue und flexible Anlagen- und Technologie-Lösungen.

wwt: Der EVS hat frühzeitig nach neuen Wegen für die Klärschlammbehandlung und -verwertung sowie nach Lösungen für die Phosphorrückgewinnung gesucht. Welche Alternativen gab es und weshalb haben Sie sich für die jetzige technologische Lösung entschieden?
JUNGMANN: An der Novellierung der Klärschlammverordnung wurde ja knapp 10 Jahre lang gefeilt. Es war also früh abzusehen, dass grundlegende Änderungen auf uns als Kläranlagenbetreiber zukommen würden. Darauf wollten wir beim EVS frühzeitig vorbereitet sein. Das gehört auch zu unserem Anspruch an eine moderne und umweltfreundliche Abwasserreinigung.
Nachdem die landwirtschaftliche Entsorgung des Klärschlamms für Kläranlagen ab 50.000 Einwohnerwerten in Zukunft komplett entfällt und durch die Novellierung der Düngemittelverordnung auch für kleinere Kläranlagen sehr stark eingeschränkt wird, geht der Trend bekanntlich zu Monoverbrennungsanlagen mit anschließender Rückgewinnung des Phosphors aus der Klärschlammasche. Diese Lösung war für uns nicht die einzige zu betrachtende Alternative, da unser Einzugsgebiet von vielen dezentralen kleinen und mittleren Kläranlagen geprägt ist. Daher haben wir gezielt nach Möglichkeiten einer dezentralen Verwertung unseres Klärschlammes gesucht, mit denen Phosphor auf direktem Wege genutzt und Umweltbelastungen wie auch Kosten durch unnötige Transporte vermieden werden können.
Auf der Kläranlage Homburg wurde deshalb im Rahmen eines Pilotprojektes 2016 eine völlig neue Technologie integriert: eine Karbonisierungsanlage der Pyreg GmbH mit einem vorgeschalteten Bandtrockner der Eliquo Stulz GmbH. Bei diesem Verfahren wird der Klärschlamm erst auf einen TS-Gehalt von ca. 85 % getrocknet und anschließend vollständig mineralisiert. Deshalb nennen wir sie auch Mineralisierungsanlage.

wwt: Durch welche wesentlichen Leistungsparameter und Vorteile zeichnet sich die Anlage aus und wie zufrieden sind Sie als Betreiber mit den Betriebsergebnissen?
JUNGMANN: Nach Behebung der „Kinderkrankheiten“ und gemeinsamen Optimierungen mit den Anlagenbetreibern läuft die Anlage inzwischen stabil. Durch die Mineralisierung bei einer Prozesstemperatur von 500 bis 700 °C werden alle organischen Schadstoffe entfernt und der Schlamm wird vollständig hygienisiert. Außerdem wird der Klärschlamm in der Menge sehr stark reduziert: Pro Pyreg-Modul werden aus ca. 1.400 t getrocknetem Klärschlamm ca. 600 t phosphorhaltiges Karbonisat, das als Düngemittel eingesetzt werden könnte. Eine weitere Nachbehandlung wie bei den Monoverbrennungsanlagen entfällt, da der im Karbonisat enthaltene Phosphor durch den schonenden Karbonisierungsprozess pflanzenverfügbar ist. 
Einen Wermutstropfen gibt es jedoch aktuell noch: Trotz einwandfreier Qualität des Karbonisates – unser Endprodukt erfüllt nach unserer Meinung in jeder Hinsicht die Anforderungen gemäß Düngemittelverordnung – und potenzieller Engpässe bei der Verwertung des Klärschlammes, ist das Karbonisat noch nicht als Düngemittel zugelassen. Hier arbeiten wir eng mit den Entscheidern und anderen Kläranlagenbetreibern zusammen, um  schnellstmöglich die Zulassung zu erhalten.

wwt: Ist geplant, die Technologie der Karbonisierungsanlage der Kläranlage Homburg für das gesamte Einzugsgebiet des EVS zu nutzen und welche Synergieeffekte könnten sich daraus ergeben?
JUNGMANN: Das Verfahren stellt zurzeit eine aussichtsreiche Lösung für mittlere Kläranlagen dar. Wir können uns daher durchaus vorstellen, die Klärschlammmineralisierung auf das gesamte Einzugsgebiet des EVS auszuweiten. Auf den 139 Kläranlagen des Verbandes fallen jährlich knapp 20.000 t Klärschlamm (TS-Gehalt) an.
Mit der modularen Pyreg-Technologie kann der Schlamm aus unseren Kläranlagen zusammengefasst und in einer überschaubaren Anzahl von Einheiten verwertet werden. Wir gehen davon aus, dass das Verfahren im Vergleich zu einer Monoverbrennung mit anschließender Phosphorrückgewinnung vor dem Hintergrund der dezentralen Struktur der Abwasserbehandlung im Saarland eine kosteneffiziente Lösung sein kann.

wwt: Stichwort Digitalisierung. Wie stark hat sich der EVS des Themas angenommen und welche Rolle spielte es zum Beispiel bei der Umsetzung der neuen Klärschlammbehandlung?
JUNGMANN: Wer heute in die Zukunft investiert, kommt nicht an der Digitalisierung vorbei. Kernelement jeder modernen Anlage ist heute die Prozesssteuerung: Alle Komponenten müssen optimal aufeinander abgestimmt sein und miteinander kommunizieren. Das betrifft bei uns nicht nur die neuen Anlagenteile, sondern auch einen Teil der bereits bestehenden Aggregate wie zum Beispiel unsere BHKWs, die ein integraler Bestandteil des Wärmekonzeptes sind und ihre Überschusswärme an den neuen Trockner abgeben müssen.
Auch geht es nicht ohne digitale Vernetzung zwischen Betreiber und Anlagenbauer.

wwt: Neue Aufgaben und viele Investitionen verursachen auch erhebliche Kosten bei den Verbänden. Was sind Ihre Prioritäten für die Zukunft und schaffen es die Verbände alle Aufgaben alleine zu stemmen?
JUNGMANN: Die Zukunftsaufgaben gehen wir mit unserem Fachpersonal aktiv an. Im Bereich der Klärschlammverwertung haben wir mit der Pilotanlage in Homburg einen wesentlichen Schritt zur Umsetzung der aus dem Kreislaufwirtschaftsgesetz und der Novellierung der Klärschlammverordnung resultierenden Aufgaben unternommen. Im Bereich der Spurenstoffe und anderer vergleichbarer Problemstellungen im Kontext mit der Erreichung des Ziels der guten Qualität der Gewässer stellen wir uns den Zukunftsaufgaben im Austausch mit anderen Betreibern kommunaler Abwasseranlagen und durch Entwicklungs- und Erprobungsvorhaben.

wwt: Die Suche nach neuen Lösungen verlangt nach aktuellem Wissen. Welche Rolle spielt die Nachwuchsgewinnung bei der Fachkräftesuche in Ihren Unternehmen und wie engagieren Sie sich diesbezüglich?
SELLERING: In Anbetracht des akuten Fachkräftemangels ist die Nachwuchsgewinnung für uns natürlich ein sehr zentrales Thema, zumal kompetente und engagierte Fachkräfte die tragende Rolle in unserem Unternehmen spielen. Daher bilden wir regelmäßig aus und haben unsere Anstrengungen in diesem Bereich in der jüngeren Vergangenheit noch intensiviert. Daneben ist die permanente Weiterbildung unserer Mitarbeiter und der interne Know-how Transfer eine wesentliche Aufgabe.
JUNGMANN: Der Leiter unserer Planungsabteilung, Dr. Ralf Hasselbach, hat einen Lehrauftrag an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes im Bereich der weitergehenden Abwasserbehandlung und wirkt im Fachbeirat des Fachgebiets „Bauingenieurwesen“ an der Gestaltung der Lehre dieser Fachhochschule mit.
Das Gespräch führte Nico Andritschke.

KONTAKT
Georg Jungmann
Geschäftsführer
Entsorgungsverband Saar
Untertürkheimer Straße 21
66117 Saarbrücken
Tel.: 0681/5000-0
E-Mail: georg.jungmann@evs.de
www.evs.de

Dr. Elke Sellering
Managerin Produktvertrieb Abwasser
Eliquo Stulz GmbH
Beim Signauer Schachen 7
79865 Grafenhausen
Tel.: 07748/92000
E-Mail: elke.sellering@eliquostulz.com
www.eliquostulz.com
IFAT: Halle A1, Stand 214

* LysoTherm, EloDry – eingetragene Markenzeichen von Eliquo Stulz