Phosphor – Ein kritischer Rohstoff mit Zukunft

Phosphor – Ein kritischer Rohstoff mit Zukunft

Phosphor – Ein kritischer Rohstoff mit Zukunft
Staatssekretär Baumann plädiert für Sekundär-Phosphor in der Landwirtschaft. Quelle: Hartwein

Der P-Rück-Kongress in Bad Cannstatt am Ende des vergangenen Jahres war bereits zum dritten Mal in Folge Treffpunkt der Akteure im Bereich der Phosphor-Rückgewinnung.


Seit Oktober 2017 ist die neue Klärschlammverordnung in Kraft. Nun wird es ernst für die betroffenen Betreiber von Kläranlagen, die geforderte Rückgewinnung von Phosphor aus Klärschlamm umzusetzen. Und so fanden sich 200 Branchenexperten auf dem vom DWA-Landesverband Baden-Württemberg veranstalteten Kongress ein und diskutierten den Entwicklungsstand der erforderlichen Technologien, die Umsetzung der Klärschlammverordnung auf den Kläranlagen sowie die Vermarktungswege für P-Rezyklate.

Zwischenlager für Klärschlammasche wäre hilfreich
Betreiber der Kläranlagen gaben Einblick in ihre aktuellen Planungen. Albrecht Dörr und Thorsten Eckert von der Stadt Karlsruhe stellten die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie des Entsorgungsverbundes Stuttgart-Karlsruhe zur großtechnischen Phosphor-Rückgewinnung aus der dort anfallenden Klärschlammasche vor. Dabei wurden nicht nur die Technologien, sondern auch die Produkte am Ende des Prozesses bezüglich ihrer Marktfähigkeit bewertet. Die beiden Städte haben das Potenzial, 10 % des in Baden-Württemberg eingesetzten Phosphor-Düngers durch Rezyklat zu ersetzen. Dennoch müsste laut der Studie die Verbrennungsmenge aus wirtschaftlichen Gründen erheblich gesteigert werden. Dafür wären zentrale Anlagen im ländlichen Raum als Betreibermodell oder im Landesbetrieb denkbar. Derzeit gibt es keine wirtschaftliche Möglichkeit, die Aschen in einer Monodeponie zur Rückholung einzulagern. Auch besteht aktuell keine Nachfrage nach Klärschlammasche aus der Monoverbrennung. Eine zentrale Landesdeponie mit der Verpflichtung für die Verbrennungsanlagen, die sortenreine Asche dort anzuliefern, wäre nach Meinung von Albrecht Dörr und Thorsten Eckert eine denkbare Lösung zur Lagerung, bis die Recycling-Verfahren marktreif sind.

Risiko- und Innovationsbereitschaft sind gefordert
Aufgrund der vielen offenen Fragen befürchtet der Entsorgungsverbund die Gefahr von Fehlinvestitionen für die Betreiber. Nicht weit davon entfernt war man in der Tat bei der MVV Umwelt GmbH in Mannheim. Mit der Zielsetzung der thermischen Monobehandlung von Klärschlamm wurde dort mit der technischen Planung einer Wirbelschichtfeuerung mit vor­geschalteter Trocknung und eigener Rauchgasreinigung begonnen. „Bei der Abwägung der Vor- und Nachteile kamen wir aber zu dem Schluss: Nochmal alles auf Anfang und neu nachdenken“, so der Rückblick von Holger Franke, Leiter Entsorgungslösungen MVV Umwelt GmbH. Denn hocheffiziente Kesselanlagen, eine vierstufige Rauchgasreinigung und eine eingespielte Anlieferlogistik waren bereits vorhanden. Nun will die MVV Umwelt GmbH einen Genehmigungsantrag zur Integration einer Klärschlammbehandlungsanlage mit zusätzlichem Schlammbunker und zwei Drehrohren im Heizkraftwerk Mannheim einreichen, die ab dem Jahr 2020 nach dem EuPhoRe-Verfahren betrieben werden soll. Laut Holger Franke werden dadurch Kapazitäten geschaffen, die „auf unsere Risiko- und Innovationsfreude abgestellt“ sind. Damit bestätigt er die Erfahrung, dass die Lösung auf der eigenen Anlage individuell entwickelt werden muss. „Aber“, so die gute Nachricht von Holger Franke, „es gibt sie!“
Laut Daniel Frank, Geschäftsführer der Deutschen Phosphor Plattform, sind im angrenzenden Ausland genügend großtechnische Anlagen in Betrieb, deren Besichtigung für die eigene Entscheidungsfindung hilfreich sein kann.

P-Rezyklate werden derzeit kaum nachgefragt
Einig waren sich die Referenten darüber, dass derzeit keine Vermarktungswege und gesicherte Einnahmen aus den Endprodukten bestehen. So sind laut Ludwig Hermann von der Europäischen Phosphorplattform aktuell 12.000 Tonnen Struvit pro Jahr aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland auf dem europäischen Markt verfügbar, für die aber so gut wie keine Nachfrage besteht. Dabei hat der recycelte Phosphordünger gegenüber Mineraldünger den Vorteil, dass er weder Cadmium noch Uran enthält. Die Empfehlung von Staatssekretär André Baumann ist daher, ihn bei der Vermarktung als „schadstoffarm“ auszuloben.
Als Abnehmer haben die Akteure besonders die Biobauern im Auge, weil die auf möglichst geschlossene Stoffkreisläufe mit umweltfreundlichen und nachhaltig erzeugten Produktionsmitteln setzen. Laut Daniel Frank spielt daher der Preis des Düngers hier eine weniger wichtige Rolle als in der konventionellen Landwirtschaft. Allerdings muss erst die EU-Bio-Verordnung geändert werden, damit P-Sekundärrohstoffe dort eingesetzt werden dürfen.
Umweltminister Untersteller forderte die zeitnahe Entwicklung von Vermarktungskonzepten; er kündigte dazu einen Leitfaden mit Musterbeispielen und Entscheidungshilfen an. Als Akteu­re in der Vermarktung sieht er spezielle Dienstleister und nicht die Kläranlagen.

Netzwerk zum Aufbau eines Marktes
Vom niederländischen Weg im Umgang mit Recycling-P berichtete Herman Walthaus vom dortigen Umweltministerium. Der Druck für P-Recycling ist dort aufgrund der intensiven Tierhaltung sehr hoch. Nach seinen Angaben bringt sich die Regierung dort aktiv in die bereits 2011 gegründete niederländische Nährstoffplattform ein als Teil eines Netzwerks aus mehr als 35 Vertretern aus Wasser-, Land- und Abfallwirtschaft, chemischer Industrie­, wissenschaftlichen Instituten und Nichtregierungsorganisationen. Zielsetzung ist der Aufbau eines Marktes für P-Recycling-Produkte, Nährstoffkreisläufe zu schließen und ein nachhaltiges Nährstoffmanagement zu etablieren. Zusätzlich unterstützend wurden in den Niederlanden Verordnungen angepasst und etwa Struvit explizit als Düngemittel erlaubt. Als nächstes stehen die Zertifizierung und Kennzeichnung der Recycling-Produkte an sowie die Beseitigung gesetzlicher Barrieren.
Die Politik, so waren sich viele Teilnehmer einig, sollte nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Trotz freier Marktwirtschaft wäre eine staatliche Förderung der Phosphor-Rückgewinnung und der Nutzung der P-Rezyklate wünschenswert etwa ähnlich dem Erneuerbare Energien Gesetz.

KONTAKT
Susanne Hartwein
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