Umweltpreis für Leipziger Abwasser-Experten

Umweltpreis für Leipziger Abwasser-Experten

aus der Ausgabe 
Oktober, 2018

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Im Gespräch mit Prof. Dr. Roland A. Müller
 

Ein deutsch-jordanisches Projekt hat die Grundlagen für einen dezentralen Abwassersektor in Jordanien gelegt. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt zeichnet die Initiatoren am 28. Oktober für ihr Engagement aus.

Jordanien gehört zu den zehn wasserärmsten Staaten der Welt. Infolge der Übernutzung von Ressourcen und aufgrund der desolaten Abwasserinfrastruktur in den Städten und Dörfern verschlechtert die Ableitung ungereinigten Abwassers die stark geschrumpften Grundwasservorkommen des Landes. Die ohnehin angespannte Trinkwasserversorgung der Bevölkerung wird weiter verschärft. wwt sprach mit Prof. Dr. Roland Arno Müller vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung über ein vorbildhaftes dezentrales deutsch-jordanisches Abwasserprojekt, dessen Aktivitäten und Erfolgsfaktoren.

wwt: Professor Müller, zunächst einmal meinen herzlichen Glückwunsch zur Nominierung für den Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Für welche Leistung wird Ihr interdisziplinäres Team den hochdotierten Preis erhalten?
MÜLLER: Vielen Dank! Wir, das heißt Mi-Yong Lee, Manfred van Afferden und Michael Hirschfeld, freuen uns natürlich sehr über diese Auszeichnung.
Die kurze Antwort ist, dass wir die Auszeichnung dafür erhalten, weil es uns gelungen ist, modellhaft in Jordanien die Grundlagen eines dezentralen Abwassersektors als wichtiges Instrument eines nationalen Wassermanagements zu schaffen. Die Abwassersysteme werden hier als zukünftig wichtiges Modul zum Schutz sensibler Grundwassereinzugsgebiete betrachtet.
Uns ging es dabei von Anfang an darum, unsere Ergebnisse integrierbar in Infrastrukturplanungen einfließen zu lassen. Fokus ist es dabei, von derzeit noch oft oder ausschließlich kanalgebundenen zentralen Strukturen hin zu effizienten Systemlösungen zu kommen, die die Vorteile zentraler und dezentraler Strukturen effizient nutzen. Unter dezentral verstehen wir übrigens hier nicht die in Deutschland vorherrschende Bedeutung als sogenannte Kleinkläranlagen, sondern die internationale Perspektive, bei der eine  Abwasserbehandlung vor Ort unter Vermeidung langer Kanalnetze gemeint ist.
Es galt somit den Bogen zu spannen von der Forschung zur Praxis, dabei technologische, ökonomische und ökologische Sachverhalte zu erfassen und die Entscheidungsträger aus der Politik für die Umsetzung zu begeistern und „mitzunehmen“.

wwt: Sie haben sich mit dem seit 2006 laufenden Projekt schwerpunktmäßig auf Jordanien konzentriert. Welche Rahmenbedingungen geben Anlass, noch intensiver nach Lösungen zum dezentralen Abwassermanagement für dieses Land bzw. die Region zu suchen?
MÜLLER: Da gibt es mehrere Gründe: Einerseits sind die Wasserprobleme in Jordanien außerordentlich groß und andererseits idealtypisch für die Wasserproblematik im ariden Raum.
Das Land gehört zu den wasserärmsten  Ländern der Welt. Etwa 90 Kubikmeter Grundwasser stehen rechnerisch einem Einwohner pro Jahr heute zur Verfügung, 1946 waren es noch 3.600 Kubikmeter! Durch Bevölkerungswachstum und Klimawandel kommt es zu zunehmend zu einer Übernutzung der vorhandenen sehr begrenzten Grundwasserressourcen. Somit ist es überlebenswichtig, nicht nur die Menge und Qualität des Grundwassers zu kennen, sondern auch die Qualität des Grundwasser nachhaltig zu schützen. Gerade in den ländlichen Regionen gelangt Abwasser nicht oder schlecht geklärt durch die vorherrschenden Karstgesteine in den Grundwasserleiter und kontaminiert dort großvolumig die knappe Ressource.
Wir waren und sind der Überzeugung, dass wir bei der Lösung dieser essentiellen Probleme helfen können,  indem wir geeignete Abwassersysteme dort einsetzen, wo Grundwasser besonders durch Verunreinigungen gefährdet wird und dadurch einen wichtigen Beitrag zur Bewirtschaftung der  Wasserressourcen leisten können.

wwt: Im Gegensatz zu vergleichbaren Projekten ging es Ihnen nicht um die Entwicklung und Implementierung einer Lösung für einen konkreten Anwendungsfall, sondern um die Entwicklung eines grundlegenden Systemansatzes für die Region. Wie ist das zu verstehen?
MÜLLER: Schon bei einer unserer ersten Reisen nach Jordanien besichtigten wir viele Dörfer, in denen das Abwasser in den Straßen floss. Jedes Haus hatte nur eine Grube zur Versickerung – mit allen negativen Folgen für Trinkwasser und Gesundheit. Wir waren uns von Beginn an einig, dass dieser Missstand nicht „nur“ durch den Bau neuer Technologien behoben werden kann, sondern nach einer Systemlösung verlangt. Im Gespräch mit Entscheidungsträgern bemerkten wir große Unkenntnis und Sorge über Einsatzpotenziale dezentraler Technologien, Unsicherheiten über die Akzeptanz der Bevölkerung, fehlende administrative Zuständigkeiten für den Betrieb dezentraler Abwassersysteme, fehlende Anbieter oder Planungsinstrumente. So wurden in einem interdisziplinären Vorgehen Experten aus unterschiedlichen Disziplinen in das Vorhaben integriert zur Schrittweisen Entwicklung eines systematischen Forschungsansatzes.

wwt: Welchen Maßnahmen wurden bislang initiiert?
MÜLLER: Hierzu wurden unterschiedliche Teilprojekte bearbeitet, von denen ich vier Ergebnisse hervorheben möchte:

  •  Technologieforschung: Auf einem Forschungs- und Demonstrationsstandort in Fuheis, das ist eine Kleinstadt in Nähe der Jordanischen Hauptstadt Amman, wurden dezentrale Technologien von uns und von den kooperierenden Unternehmen, bis zum Pilotmassstab entwickelt. So ist ein Ergebnis, dass zur Senkung der hohen Wasserverluste durch die vorherrschenden hohen Durchschnittstemperaturen, aktiv belüftete Horizontal- und Vertikalfiltersysteme entwickelt wurden. Der Flächenverbrauch wird im Vergleich zu den konventionellen Systemen um den Faktor zwei bis vier gesenkt.
  •  Mit ALLOWS (Assessment of Local Water Low-Cost Wastewater Solutions), wurde ein Geodaten-basiertes Entscheidungs- und Planungsinstrument entwickelt. Behörden, Stadtverwaltungen oder Unternehmen können verschiedene Abwasserszenarien entwickeln, vergleichen und hinsichtlich ihrer Wirtschaftlichkeit bewerten. Wichtig ist dieses „Werkzeug“ auch deshalb, weil Planungsdaten in der Region oft lückenhaft oder fehlerbehaftet sind.
  •  Ein Interministerielles Komitee, das „National Implementation Committee for Effective Dezentralized Wastewater Treatment of Jordan – NICE“ wurde auf Initiative des Wasserministeriums und mit maßgeblicher Unterstützung von uns und dem BMBF gegründet. Die Arbeit, die man mit der eines sektorenübergreifenden Runden Tisches unter Beteiligung von 8 Ministerien, Universitäten und NGOs vergleichen kann, war außerordentlich erfolgreich und mündete in der Erstellung eines sektorenübergreifenden Rahmenwerkes. Letzteres wurde dem Jordanischen Kabinett in Form einer „Policy für dezentrales Abwassermanagement“ vorgelegt und dort positiv verabschiedet.
  •  Um gleichzeitig die Bildung voranzubringen wurden für ausgewählte Zielgruppen Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen konzipiert und umgesetzt. Ein besonders spannendes Beispiel war „Water Fun“, bei dem 118 Lehrer in Schulen aus Jordanien und den Palästinensischen Gebieten ausgebildet wurden und diese in der Folge mehr als 5.000 Schüler erreichten. Kernaspekte der Bildungs-Maps war die Vermittlung der Bedeutung von Wasserkreisläufen in Wassermangelgebieten wie Wasserqualität, Wasserverbrauch Abwasserbehandlung und Re-Use.

 

wwt: Wie wurden Ihre Aktivitäten durch die Politik vor Ort flankiert und wie gestaltete sich die Zusammenarbeit bei der Umsetzung von Maßnahmen?
MÜLLER: Wir hatten das Glück, dass wir im Jordanischen Wasserministerium sehr frühzeitig bei den Ministern und Staatssekretären das Interesse an unseren Ideen wecken konnten. Ein wesentlicher Schritt zur Zusammenarbeit auf dieser politischen Ebene war sicherlich die eben beschriebene Gründung von NICE. Nun wurde sehr effizient mit Entscheidungsträgern verschiedener Ressorts wie Wasser, Planung, Landwirtschaft, Städtische Angelegenheiten, Umwelt und Gesundheit diskutiert und gearbeitet. Die Entscheidungsgrundlagen wurden in unterschiedlichen technischen Komitees wie z. B. Raumplanung, Technologiebewertung, Grundwasserschutz vorbereitet.
Wichtig für den Erfolg war dabei sicherlich auch der Erfahrungsschatz, den wir aus Deutschland über die Arbeit des BDZ e. V. mitbrachten. Hier hatten wir in Zusammenarbeit mit der DBU bereits begonnen, die Integration dezentraler Abwassersysteme im Einklang mit Verwaltung, Technik und regionalen Erfordernissen voranzubringen.

wwt: Die Folgen des Klima- und demografischen Wandels werden in vielen Regionen der Welt zunehmend sichtbar. Inwieweit sind die von Ihnen gewonnenen Erkenntnisse für andere Regionen oder städtische Ballungszentren von Nutzen?
MÜLLER: Für mich gehören resiliente Wasserinfrastrukturen mit zu den wesentlichen Aufgaben, denen wir uns zukünftig auch zum Beispiel in Europa verstärkt widmen müssen. Der Anschlussgrad an zentrale Netze ist fast überall in Europa wesentlich niedriger als bei uns in Deutschland. Hier werden nach meiner Einschätzung zukünftig die dezentralen Systeme gemeinsam mit den zentralen Systemen benötigt, da Sie sich in idealer Weise ergänzen.
Auch technologisch sind die Entwicklungen nicht auf Anwendung im Nahen Osten beschränkt. Das machen die oben erwähnten „aktiv belüfteten Bodenfilter“ deutlich. Die von uns in Fuheis und in Leipzig entwickelten Technologien sind im DWA Regelwerk (DWA-A 262) berücksichtigt, welches bereits für andere Europäische Länder in die englische Sprache übersetzt wurde.
Die von Ihnen angesprochenen urbanen Gebiete interessieren uns ebenfalls sehr.

wwt: Auf welche Schwerpunkte werden Sie Ihre Forschungsarbeit perspektivisch ausrichten?
MÜLLER: Zukunftsfähige Abwassersystemlösungen werden auch in Europa benötigt. Im Kontext der Stadtentwicklung wollen wir uns im UFZ verstärkt um den Einsatz von dezentralen Wasser- und Energieinfrastrukturen im Kontext der Entwicklung Ressourcen-effizienter Stadtquartiere kümmern.
Auch möchten wir natürlich die Umsetzung von dezentralen Systemlösungen im Nahen Osten weiter fachlich begleiten. Die Region braucht dringend weitere Referenzstandorte, an denen das System in der Praxis demonstriert und gelebt wird.
Das Gespräch führte Nico Andritschke.

KONTAKT
Prof. Dr. Roland A. Müller
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Leiter des Department Umwelt- und Biotechnologisches Zentrum
Permoserstrasse 15
04318 Leipzig
Tel.: 0341/2351275
E-Mail: roland.mueller@ufz.de
www.ufz.de

WEITERFÜHRENDE LINKS
| BDZ e. V.
www.bdz-infrastruktur.de
| Bildungsprojekt
www.waterfunforlife.de
| NICE
www.ufz.de/nice-jordan/index.php?en=43434